Freitag, 1. Juli 2016

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Müllers Memo Die neue Welt ist brutal

Polizist vor Anschlagsort in Istanbul: Die Globalisierung produziert ihre eigenen Gegner

Stabil und friedlich sollte die globalisierte Welt sein, das war die Hoffnung. Sie hat sich nicht erfüllt. Die Globalisierung schafft nicht nur ihre eigenen Gegner - sie bedroht sich am Ende sogar selbst.

Eigentlich sollten dies friedliche Zeiten sein. Als die Globalisierung begann, war viel von "Friedensdividende" die Rede: von all den produktiven Fähigkeiten, die die Menschheit nun freisetzen könne nach Jahrzehnten des Kalten Kriegs. Immer weniger müsste für Militär und Sicherheit ausgegeben werden. Großartige Entwicklungschancen ergäben sich, nun, da der große Konflikt vorbei sei.

Das war die damals verbreitete Hoffnung. Daraus ist nichts geworden.

Ein Vierteljahrhundert nachdem sich der Eiserne Vorhang hob und eine Nation nach der anderen sich öffnete, hat unübersehbar eine neue Ära begonnen: Terror und Krieg, Nationalismus und Chauvinismus sind zurück. Die Globalisierung, so scheint es, produziert ihre eigenen Gegner.

Zur Person
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Henrik Müller ist Professor für wirtschaftspolitischen Journalismus an der Technischen Universität Dortmund. Zuvor war Müller stellvertretender Chefredakteur des manager magazins.
Tatsächlich hat sich die offene Weltordnung keineswegs als so stabil erwiesen wie erhofft. Weder ökonomisch - seit Mitte der Neunzigerjahre folgt eine markterschütternde Krise auf die nächste, von Mexiko bis China. Noch politisch - Konflikte zwischen Staaten, Terror, Krieg und Bürgerkrieg nehmen zu.

Die Zahl der bewaffneten Auseinandersetzungen ist auf historisch hohem Niveau und steigt weiter an, hat das Institut für Friedens- und Konfliktforschung an der Universität Uppsala ermittelt.

  • Terroranschläge in Metropolen wie Paris, Istanbul oder Jakarta zeigen die Verletzlichkeit der modernen Welt.
  • In Syrien tobt der Krieg mit unverminderter Brutalität und setzt Millionen verzweifelter Flüchtlinge in Bewegung.
  • Zwischen Saudi-Arabien und Iran steigen die Spannungen.
  • Der Konflikt zwischen Russland und dem Rest Europas um die Ostukraine ist keineswegs gelöst, sondern nur eingefroren.
  • Im südchinesischen Meer ringen China, Japan und andere Anrainerstaaten um Vorherrschaft und Ressourcen.
  • Selbst innerhalb der EU gibt es inzwischen ernste Zweifel, ob sich die Gegensätze zwischen den Mitgliedstaaten noch überbrücken lassen; gerade erst warnte Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker vor einer Kettenreaktion - vom Ende der offenen Grenzen in Folge der Flüchtlingsströme bis zur Kernspaltung des Euro.

Gefährliche Zeiten. Beim World Economic Forum, das Mittwoch in Davos beginnt, wird die globale Elite aus Wirtschaft und Politik darüber zu reden haben. Die Globalisierung schafft nämlich nicht nur ihre eigenen Gegner - sie bedroht sich am Ende sogar selbst.

"Frieden ist die natürliche Folge des Handels"

Dabei ist die Welt ökonomisch so eng verflochten wie nie zuvor. Es ist so viel Kapital grenzüberschreitend investiert worden, dass es die Wirtschaftsleistung der beteiligten Länder um die Hälfte übersteigt, wie MGI, der Thinktank der Unternehmensberatung McKinsey, berechnet hat; vor dreißig Jahren lag der Wert nicht mal halb so hoch.

Die wechselseitigen Abhängigkeiten rund um den Globus sind größer als jemals zuvor in der Geschichte. Wäre es nicht vernünftig, wenn sich alle gemeinsam darum bemühten, den Frieden zu wahren? Es sollte weniger kriegerische Auseinandersetzungen geben als früher - eigentlich. Terror sollte keine Basis finden und grenzüberschreitend bekämpft werden - eigentlich.

So wie es der französische Staatsphilosoph Montesquieu schon Mitte des 18. Jahrhunderts vorhergesagt hatte: "Frieden ist die natürliche Folge des Handels." Zumal heute, anders als damals, auch Informationen mühelos Grenzen in Echtzeit überwinden. Wir wissen mehr über die Welt. Das sollte die Verständigung fördern - eigentlich.

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