Donnerstag, 26. Mai 2016

Alle Artikel und Hintergründe

Müllers Memo Europa und das Ende der Globalisierung

Autos für den Export: Die Eurozone hat ihre Probleme viel zu lange verschleppt

Die Eurozone folgt dem deutschen Irrweg: Die wirtschaftliche Erholung ist vor allem vom Export getrieben. Deshalb bleiben die Euro-Staaten anfällig - trotz aller Erfolge.

Zur Person
manager magazin
Henrik Müller ist Professor für wirtschaftspolitischen Journalismus an der Technischen Universität Dortmund. Zuvor war Müller stellvertretender Chefredakteur des manager magazins.
Sehen so Sieger aus? Möglich. Immerhin führt die portugiesische Mitte-rechts-Koalition um Ministerpräsident Pedro Passos Coelho, die sich an diesem Sonntag zur Wiederwahl stellt, in den Umfragen. Falls sie gewinnt, wäre das ein europaweites Signal: Austerität funktioniert.

Ein rigider Spar- und Reformkurs führt nicht nur aus der wirtschaftlichen Dauerkrise, sondern zahlt sich letztlich auch politisch aus - mutige Maßnahmen bedeuten nicht unbedingt politischen Selbstmord, sondern werden letztlich von den Bürgern honoriert. (Achten Sie auf die Statements von Finanzminister Wolfgang Schäuble und Kollegen beim Euro-Gruppen-Treffen am Montag).

Portugal könnte, so gesehen, zum Testfall für die europäische Anti-Krisen-Strategie werden, wie sie insbesondere die Bundesregierung vorangetrieben hat. Ausgaben kürzen, Steuern erhöhen, Märkte öffnen - wenn selbst das strukturschwache Portugal eine solche Rosskur erfolgreich übersteht, lassen sich dann Reformen nicht künftig leichter durchsetzen? Behalten also am Ende Angela Merkel und Wolfgang Schäuble recht?

Zweifel sind erlaubt. Denn dass die Strategie bislang nicht gescheitert ist, verdankt sich einer Verkettung günstiger Umstände. Nun ändern sich diese Umstände. Damit jedoch ist offen, ob die Eurokrise tatsächlich vorüber ist und sich jene "moderate Erholung" verfestigt, die IWF-Chefin Christine Lagarde vorige Woche beschworen hat - oder ob die Krise nur eine Pause eingelegt hat.

In den vergangenen Jahren hatte die Eurozone Glück

Wettbewerbsfähig werden - das ist der Kern der bisherigen Anti-Krisen-Politik. Länder wie Portugal, die sich zuvor gigantische außenwirtschaftliche Defizite erlaubt hatten, sollten solange ihre Kosten senken, bis sie Defizite in Überschüsse verwandelt hatten. Mittels Exporteinnahmen sollten sie allmählich die hohe aufgelaufene Verschuldung abtragen. So ähnlich hatte es Deutschland in den 2000er Jahren vorgemacht, mit Lohnzurückhaltung und der Agenda 2010.

Das Problem dabei: Die Strategie geht nur auf, wenn es anderswo auf der Welt dynamische Länder gibt, die jede Menge Waren importieren wollen. In den vergangenen Jahren hatte die Eurozone Glück: Während Europas Wirtschaft darnieder lag, wuchsen die USA und die großen Schwellenländer, insbesondere China, in sportlichem Tempo. Entsprechend exportierten die Volkswirtschaften der Währungsunion immer mehr dorthin. Billige Rohstoffe, zumal Öl, sorgten für zusätzliche Entlastung.

Das Resultat ist beeindruckend. Die Eurozone verzeichnet inzwischen den größten außenwirtschaftlichen Überschuss der Welt, mehr als 300 Milliarden Dollar jährlich; bis zum Beginn der Krise war die Bilanz stets ausgeglichen. Und es ist nicht nur die Bundesrepublik, die zu diesem enormen Plus in der Leistungsbilanz beiträgt, sondern fast alle Länder, auch vormalige Krisenstaaten wie Portugal, Spanien oder Irland.

Doch nun droht ein Doppelschlag.

Seite 1 von 3
Mehr manager magazin
Zur Startseite

© manager magazin 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH