Freitag, 22. Februar 2019

Müllers Memo Die perverse Angst vor der Deflation

Gruselklassiker "Nosferatu": Deflation als Schreckensszenario
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Gruselklassiker "Nosferatu": Deflation als Schreckensszenario

Sinkende Preise, knauserige Banken, kaum Investitionen - in der Euro-Zone schrillen wieder mal die Alarmglocken. Der Druck auf Mario Draghis EZB wächst, noch mehr Geld in die Wirtschaft zu pumpen.

Nein, nein, sagte der Präsident, "wir sind eindeutig nicht in einer Deflation". Mario Draghi war es wichtig klarzustellen, dass der Konjunkturerholung nicht die nächste Hürde im Weg steht. Dann machte er sich ans Definieren: Deflation, das bedeute ein "sich selbst verstärkendes Sinken der Preise" - und zwar für praktisch alle Konsumgüter und über den gesamten Euro-Raum hinweg.

Was der EZB-Chef bei seiner Rede vorigen Donnerstag in Frankfurt verschwieg: Streng genommen leben Teile des Euro-Raums längst in einem deflationären Umfeld. Das Preisniveau sinkt in Griechenland, und genau besehen geht es auch in Spanien, Portugal und Irland leicht zurück (wenn man Verbrauchssteuererhöhungen und andere Sondereffekte herausrechnet). Im Schnitt liegt die Inflationsrate nur noch bei 0,8 Prozent, deutlich unter dem Wert von knapp 2 Prozent, den die Notenbank anpeilt.

Bei ihrer Ratssitzung am Donnerstag wird sich die EZB damit befassen müssen. Soll sie jetzt reagieren? Und wenn ja, wie - die Zinsen noch weiter senken, Anleihen in großem Stil aufkaufen, den Banken Kredite abnehmen?

Auch eine milde Deflation wäre prekär

Viele Maßnahmen sind in der Diskussion. Der Druck wächst. Vor allem angelsächsische Ökonomen fordern: Action! Jetzt müsse noch mehr getan werden, um eine große Deflation zu verhindern. Draghi versprach denn auch, "wachsam" zu bleiben. Die Bank sei jederzeit "bereit zu handeln", falls sich deflationäre Tendenzen verstärken sollten.

In der Tat ist Deflation ein Schreckensszenario. Es muss gar nicht so schlimm kommen wie in den 30er-Jahren in den USA und Deutschland, als sich beide Länder nach dem Crash von 1929 in einer Abwärtsspirale wiederfanden. Schon eine vergleichsweise milde Deflation, wie sie Japan seit bald zwei Jahrzehnte erlebt, ist ein prekäres Szenario: Die Löhne sind seither nicht gestiegen, die Nachfrage lahmt, und Japans Staatsschulden belaufen sich inzwischen auf mehr als 240 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

Doch die perverse Angst vor dem Verfall der Preise lässt sich eben auch leicht instrumentalisieren. Mit der regelmäßig wiederkehrenden Beschwörung des Großrisikos Deflation haben gerade die Wallstreet-Banken immer wieder dafür gesorgt, dass die profitablen Zeiten des leichten Geldes immer weitergingen (und sich die nächsten Blasen aufblähen konnte).

Es ist ein wiederkehrendes Muster: Die Angst vor Deflation sorgt für eine zu lockere Geldpolitik, die wiederum Aktienkurse und Immobilienpreise durch die Decke gehen lässt - eine Inflation der Vermögenswerte -, was abermals in einem Crash und neuerlichen Deflationsgefahren endet. Der monetäre Teufelskreis beginnt von Neuem.

Es lohnt sich deshalb, genauer hinzuschauen, was eigentlich derzeit im Euro-Raum los ist. Zwei Entwicklungen laufen derzeit parallel ab, die preisdämpfend aussehen.

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