Freitag, 14. Dezember 2018

Müllers Memo Die deutsche Illusion vom Daueraufschwung

Export-PKW in Bremerhaven: Wirtschaftsstark und wettbewerbsfähig wie kaum ein anderes Land

3. Teil: Was nicht ins Bild passt, wird ausgeblendet

Nicht nur die Deutschen selbst glauben inzwischen, sie seien so wirtschaftsstark und wettbewerbsfähig, wie kaum ein anderes Land auf dem Globus. Auch viele andere Nationen betrachten uns mit einer Mischung aus Anerkennung, Bewunderung und Neid. Kaum jemand zweifelt noch an Deutschlands ökonomischer Power.

Entsprechend geht die Politik dazu über, die Beschäftigungsrekorde für selbstverständlich zu nehmen - und eine Welle von Regulierungen einzuführen, die das Erreichte gefährden. Wo noch vor wenigen Jahren Panik herrschte, weil angeblich das Ende der Arbeit drohte, greift nun unbeschwertes Vertrauen in die Belastbarkeit des deutschen Arbeitsmarktes um sich, alle heraufziehenden und längst sichtbaren Risiken ignorierend.

Vordergründig gibt es natürlich jede Menge Indizien dafür, dass die glänzend schwarzrotgoldene Erzählung wahr ist. Die Exportstärke der Industrie, der in Teilen leergefegte Arbeitsmarkt, der Immobilienmarkt, der sich angeblich nach einem langen Durchhänger normalisiert - das sind Kernelemente des derzeitigen Hurra-Deutschland-Narrativs. Die Geschichte vom zweiten Wirtschaftswunder wirkt einfach überzeugend. Was nicht ins Bild passt, wird ausgeblendet.

Dass die Erfolge der Industrie auf der raschen Industrialisierung der Schwellenländer fußen, die allerdings gerade im Abflauen begriffen ist. Dass die Globalisierung auf dem Rückzug ist durch Krisen, Krieg und Terror. Dass die deutsche Wirtschaft unterfinanziert ist nach fast einem Jahrzehnt mit gigantischen außenwirtschaftlichen Überschüssen. Dass die Politik des ultrabilligen Geldes die Wirtschaftsstrukturen verzerrt, auch hierzulande. Dass die Euro-Krise keineswegs vorbei ist und Deutschland deutlich mehr wird tun müssen, um zur Stabilisierung des europäischen Heimatmarktes beizutragen. Dass die Digitalisierung auch die produktionslastige deutsche Wirtschaft fundamental durcheinander wirbeln wird. All das ist seit Jahren sichtbar. Aber es sickert bestenfalls mit erheblicher Zeitverzögerung ins kollektive Bewusstsein.

Die Rechnung wird nicht lange auf sich warten lassen.

Lesen Sie nächsten Sonntag von Henrik Müller: Der Mythos der Hartz-Reformen

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