Freitag, 26. August 2016

Alle Artikel und Hintergründe

Müllers Memo Die Angst bedroht den Aufschwung

Champs-Élysées, Paris: Anschläge treffen Europa in einem Moment der Schwäche

Die Anschläge von Paris treffen die Wirtschaft in einer ohnehin schwierigen Phase: Die Verunsicherung ist groß, investiert wird wenig. Die Folgen könnten gravierend werden - auch für Deutschland.

Zur Person
manager magazin
Henrik Müller ist Professor für wirtschaftspolitischen Journalismus an der Technischen Universität Dortmund. Zuvor war Müller stellvertretender Chefredakteur des manager magazins.
Als der Terror die Metropole traf, begann die Wirtschaft sich einzuigeln. Die Manager waren derart verunsichert, dass sie sich kaum noch trauten, in die Zukunft zu investieren. Statt Geld für neue Maschinen, Gebäude oder Patente auszugeben, legten sie es lieber beiseite: Sie bildeten große Barreserven - wer wusste schon, wie es weitergehen würde? Eine mehrjährige wirtschaftliche Schwächephase schloss sich an. Erst dank massiver staatlicher Geldinfusionen kam die Konjunktur wieder auf Trab.

So war das nach den Anschlägen auf das New Yorker World Trade Center am 11. September 2001. Die Wirtschaft war ohnehin schon geschwächt, durch die Terrorakte wurde sie in Schockstarre versetzt. Zu beobachten war diese Reaktion insbesondere in den USA. Die Unternehmen dort legten gigantische Geldspeicher an, um für weitere Rückschläge gewappnet zu sein. Die Barmittel der Konzerne stiegen in den folgenden drei Jahren um rund 60 Prozent, so eine aktuelle Studie von Credit Suisse. Auch in Europa waren die Erschütterungen spürbar. In Deutschland dauerte es drei Jahre, bis die Investitionen wieder zum Wirtschaftswachstum beitrugen.

Die Parallelen zur Gegenwart sind unübersehbar. Die mörderischen Anschläge von Paris treffen Europa in einem Moment, da die Wirtschaft immer noch nachhaltig verunsichert ist. Ein schwächlicher Aufschwung ändert nichts daran, dass viele Länder ökonomisch nach wie vor im Krisenmodus operieren. Die Terrorangst verunsichert zusätzlich - möglicherweise mit erheblichen Folgen für die Konjunktur.

Gerade die deutsche Industrie wirkt anfällig. Die Unternehmen haben ohnehin zu kämpfen: Die Nachfrage aus China bröckelt; der größte Autokonzern Europas (Volkswagen) befindet sich nach den Abgasskandalen in einer tiefgreifenden Krise; die Stromkonzerne (E.on, RWE) sind durch die Energiewende schwer getroffen. Dazu kommt das aktuelle politische Umfeld: Das Bild, das die Europäische Union akut in der Flüchtlingskrise und latent in der Eurokrise abgibt, wirkt nicht gerade vertrauenserweckend: Wenn nach und nach wieder Grenzkontrollen eingeführt werden, kann man schon mal die Stabilität des Binnenmarktes in Frage stellen.

  • Die deutsche Industrie steckt in einer Umbruchphase. Das macht sie verwundbar.

Die Verunsicherung lässt sich beziffern: Der Ifo-Geschäftsklimaindex fürs verarbeitende Gewerbe liegt deutlich unter den Niveaus früherer Aufschwungphasen (neue Zahlen gibt es Dienstag). Entsprechend wenig investieren die Unternehmen. Als der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung kurz vor den Terroranschlägen Mitte vorvergangener Woche sein Jahresgutachten vorlegte, ging er bereits davon aus, dass die Ausgaben für Maschinen und Anlagen um nur 4,5 Prozent steigen werden. Eine schwache Leistung: "Angesichts der ansonsten guten Konjunktur und der niedrigen Zinsen", so die Fünf Weisen, sei das "eine im historischen Vergleich wenig dynamische Entwicklung".


Alle relevanten News des Tages gratis auf Ihr Smartphone. Sichern Sie sich jetzt die neue kostenlose App von manager-magazin.de. Für Apple-Geräte hier und für Android-Geräte hier.
Die Industrie wird zur Konjunkturbremse. Während binnenorientierte Branchen wie Handel und Bau das Wachstum treiben, trägt die Industrie derzeit fast nichts dazu bei. Aber die Produktion von Gütern ist nun mal jener Sektor, der in Deutschland nach wie vor so groß ist wie in keinem anderen vergleichbaren Land.

  • Das ist die ernüchternde Ausgangslage. Nun kommt durch den Terror ein zusätzliches Unsicherheitsmoment hinzu.

Es stimmt schon: Die Terrorgefahr ist seit langem präsent. Spätestens seit dem Bombenattentat von Madrid 2004 ist klar, dass auch Europa keine friedliche Insel ist. Deshalb ist das Überraschungsmoment nicht so groß wie 2001. So schrecklich nun die Pariser Angriffe sein mögen: Sie bestätigen eine Bedrohungslage, die Entscheidungsträgern in Politik und Wirtschaft seit Jahren bekannt ist. Die New Yorker Terroranschläge hingegen kamen am 11. September aus heiterem Himmel. Entsprechend gravierend war damals die Schockwirkung, auch auf die Wirtschaft.

Dennoch ist die Gefahr ökonomischer Folgeschäden womöglich sogar größer als 2001. Denn zum einen ist das weltwirtschaftliche Umfeld schwach. Zum anderen können die Staaten negative Überraschungen kaum noch abfedern.

Nordamerika, Westeuropa und nun auch die Schwellenländer sitzen auf riesigen Schuldenbergen, die die ökonomische Dynamik drosseln. Länder wie Brasilien, die vor kurzem noch als kommende Weltwirtschaftsmächte gefeiert wurden, werden von heftigen Krisen geschüttelt. Die Globalisierung in ihrer bisherigen Form stößt an Grenzen. Welche Technologien und Trends die Wirtschaft künftig treiben werden, ist unklar.

Entsprechend verhalten sich viele Manager: Im Zweifel gehen sie lieber keine Risiken ein, investieren nicht, legen stattdessen riesige Cashpuffer an, schütten Gewinne in bislang unerreichten Größenordnungen aus. Allein US-Konzerne dürften ihren Aktionären dieses Jahr mehr als eine Billion Dollar in Form von Dividenden und Aktienrückkäufen überweisen. Auch in Europa wissen viele Unternehmen nicht recht, in was sie investieren sollen und schütten Gewinne lieber aus, als sie in die Zukunft zu investieren. Der globale Kapitalismus - er wirkt derzeit reichlich orientierungslos.

Seite 1 von 2
Mehr manager magazin
Zur Startseite

© manager magazin 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH