Mittwoch, 20. September 2017

Euro-Rally stockt vor EZB-Zinsentscheidung Setzt Draghi den Deckel auf den Euro?

EZB-Chef Mario Draghi

Selten haben Beobachter am Devisenmarkt so gespannt auf eine Zinsentscheidung gewartet wie auf die EZB-Sitzung am kommenden Donnerstag (7. September). Und EZB-Chef Mario Draghi hat selbst kräftig die Erwartungen geschürt: Seine Ankündigung, dass die Notenbank im Herbst über die Zukunft der billionenschweren Anleihekäufe entscheiden wolle sowie die leise Andeutung, dass die EZB angesichts der anziehenden Konjunktur über eine vorsichtige Straffung der Zinspolitik nachdenke, hatten den Euro Börsen-Chart zeigen in den vergangenen Monaten kräftig steigen lassen. Anfang dieser Woche notierte die Gemeinschaftswährung über der Marke von 1,20 US-Dollar, das war der höchste Stand seit mehr als zwei Jahren.

Seit Jahresbeginn hat der Euro zum Dollar rund 15 Prozent aufgewertet - Anleger befürchteten bereits, dass der starke Euro die Konjunktur in Euroland bald wieder abwürgen und die exportorientierten Dax-Unternehmen aufs Abstellgleis befördern werde. Der Dax Börsen-Chart zeigen gab daraufhin im Juni, Juli und August drei Monate in Folge per Monats-Saldo nach. Eine solche Verlustserie gab es seit zwei Jahren nicht mehr.

An diesem Freitag war bereits alles für eine Fortsetzung der Euro-Rally angerichtet: Die US-Unternehmen haben im August weniger Jobs geschaffen als erwartet, und in den USA glaubt nach den Milliardenschäden durch Hurrikan Harvey kaum noch jemand daran, dass die US-Notenbank in diesem Jahr noch einmal die Zinsen anheben wird. Investoren, die auf einen weiteren Anstieg des Euro zum Dollar wetten, schienen auf der richtigen Seite.

Schwächerer Euro dürfte Dax-Erholung weiter antreiben

Doch dann die Kehrtwende. Der Euro gab am Freitag im späten Handel deutlich nach und rutschte wieder unter die Marke von 1,19 US-Dollar. Hartnäckig halten sich am Devisenmarkt die Spekulationen, dass die EZB in der kommenden Woche einiges daran setzen wird, den Höhenflug des Euro zu stoppen. Das bedeutet: Draghi muss den Marktteilnehmern am Donnerstag glaubwürdig verkaufen, dass er das Anleiheprogramm der EZB fortsetzen und die Märkte weiter mit billigem Geld fluten wird - trotz der anziehenden Konjunktur und trotz der zuletzt auch gestiegenen Inflation in Euroland.

Der deutsche Aktienindex Dax Börsen-Chart zeigen könnte von einer solchen Ansage profitieren und seine in dieser Woche begonnene Erholung fortsetzen. Zugleich dürfte sich Draghi jedoch Kritik aus den USA einfangen: Der EZB-Chef muss den Eindruck vermeiden, er wolle durch einen Abwertungswettlauf die Konjunktur im Euroraum ankurbeln.

EZB-Ratsmitglied Ewald Nowotny sieht die Euro-Stärke zwar gelassen. Sie dürfe nicht überinterpretiert und dramatisiert werden, betonte er am Freitag. Allerdings ist ein so starker Anstieg in so kurzer Zeit, wie ihn der Euro seit Februar gegenüber dem Dollar gezeigt hat, für exportorientierte Unternehmen aus dem Euro-Raum besonders schmerzhaft. Möglicherweise geht es der EZB vor allem darum, bei der Euro-Aufwertung das Tempo herauszunehmen.

Gegen eine Fortsetzung der extrem lockeren Geldpolitik spricht die zuletzt angestiegene Teuerung. Im Euroraum sind die Verbraucherpreise im August stärker gestiegen als erwartet: Nach Angaben des Statistikamts Eurostat vom Donnerstag erhöhte sich das Preisniveau zum Vorjahresmonat um 1,5 Prozent.

Drahtseilakt für Draghi

Damit muss die EZB einen Drahtseilakt meistern. Eine Fortsetzung der Anleihekäufe auch im kommenden Jahr spräche dafür, dass die Notenbanker der Aufwertung des Euro derzeit mehr Gewicht beimessen. "Offenbar liegt die Schmerzgrenze der Europäischen Zentralbank in Sachen Euro-Aufwertung bei 1,20 US-Dollar", meinte Jochen Stanzl, Analyst bei CMC Markets. "Draghi darf sich nicht in den Verdacht begeben, eine Politik zu machen, die vor allem auf die Steuerung des Wechselkurses abzielt. Schnell könnte sonst die Eurozone erneut Ziel von Währungsmanipulationsvorwürfen der US-Regierung werden", so Stanzl.

Die Kerninflation, die Energie und Lebensmittel außen vor lässt, lag dagegen konstant bei 1,2 Prozent. Sowohl die Gesamtinflation als auch die Kernteuerung liegen unter dem Preisziel der Europäischen Zentralbank (EZB) von knapp 2 Prozent. Weil die EZB dieses Ziel von knapp 2 Prozent seit mehreren Jahren nicht mehr erreicht hat, hat sie ihre Geldpolitik extrem gelockert. Zuletzt hatte sich EZB-Präsident Mario Draghi aber etwas zuversichtlicher gezeigt, dass das Inflationsziel in absehbarer Zeit wieder erreicht werden kann.

"Aktuelle Inflation ist ein Blick in den Rückspiegel"

Teurer als ein Jahr zuvor war im August vor allem Energie (plus 4,0 Prozent). Dienstleistungen wie Mieten waren 1,6 Prozent teurer, für Lebensmittel mussten im Schnitt 1,4 Prozent mehr gezahlt werden als vor einem Jahr. Am schwächsten war die Inflation mit 0,5 Prozent nach wie vor bei Industriegütern.

Bankökonomen sahen keine großen Auswirkungen auf die Geldpolitik der EZB. "Die aktuelle Inflationszahl ist ein Blick in den Rückspiegel", kommentierte Thomas Gitzel, Chefvolkswirt der Liechtensteiner VP Bank. Weil die EZB ihre Geldpolitik an der künftigen Entwicklung ausrichte, dürfte die jüngste Aufwertung des Euro eine größere Rolle spielen.

Wann schließt die EZB die Geldschleusen?

Über günstigere Importe dämpfe der teurere Euro den Inflationsausblick. Gitzel vermutet, das die EZB nach ihrer Zinssitzung in der kommenden Woche keine allzu großen geldpolitischen Weichenstellungen vornehmen wird.

Damit liegt Gitzel auf der Linie vieler anderer Analysten. Grundsätzlich wird von der EZB erwartet, dass sie bald verkündet, wie sie aus ihrer Krisenpolitik aussteigen will. Die meisten Bankvolkswirte rechnen mit einer Ankündigung aber erst auf der übernächsten Sitzung im Oktober.

Allgemein wird erwartet, das die Notenbank im kommenden Jahr ihre Anleihekäufe zurückfahren wird. Eine erste Zinsanhebung wird meist nicht vor Ende 2018, Anfang 2019 erwartet

Nachrichtenticker

© manager magazin 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH