Dienstag, 19. Juni 2018

Frühjahrsgutachten Wirtschaftsforscher heben Prognose an, warnen aber vor zunehmenden Risiken

Arbeitsmarkt: Die Zahl der Erwerbslosen wird auch in diesem Jahr weiter fallen, der Fachkräftemangel immer größer

Die führenden Forschungsinstitute haben ihre Wachstumsprognose für dieses und nächstes Jahr leicht angehoben. Die Forscher erwarten nun für das laufende Jahr in Deutschland 2,2 Prozent Wirtschaftswachstum und für das kommende Jahr 2,0 Prozent. Im Herbst hatten sie noch mit einem Plus von 2,0 und 1,8 Prozent gerechnet.

Das geht aus dem Frühjahrsgutachten hervor, das am Donnerstag in Berlin vorgestellt wurde. Der deutsche Export profitiere vom Aufschwung der Weltwirtschaft, außerdem bleibe der private Konsum stark.

Die gute Konjunktur kommt auch am Arbeitsmarkt an: Die Zahl der Erwerbslosen soll in diesem Jahr auf rund 2,3 Millionen fallen und damit erstmals seit der Wiedervereinigung unter der Grenze von 2,5 Millionen liegen. 2019 sollen es dann 2,2 Millionen sein. Die Zahl der Beschäftigten soll bis dahin auf das Rekordniveau von rund 45,3 Millionen steigen. Das wären eine Million mehr als 2017.

Auch beim Staat macht sich der Aufschwung immer mehr bemerkbar: Er soll in diesem Jahr einen Rekordüberschuss von fast 38 Milliarden Euro erzielen, der im kommenden Jahr ähnlich hoch ausfallen dürfte. "Gerade wenn die Kassen voll sind, sollte die Finanzpolitik die Konsequenzen für die gesamtwirtschaftliche Stabilität und die Nachhaltigkeit der Staatsfinanzen im Blick haben", sagte Wollmershäuser. "Die im Koalitionsvertrag vereinbarten Leistungsausweitungen in der Gesetzlichen Rentenversicherung laufen dem Nachhaltigkeitsgedanken zuwider."

Der Boom wird den Experten zufolge wohl nicht in eine starke Inflation münden: Die Institute gehen davon aus, dass die Teuerungsrate in Deutschland sowohl in diesem als auch im kommenden Jahr unter 2 Prozent verharrt. Die EZB strebt für die gesamte Euro-Zone knapp 2 Prozent an, den für sie optimalen Wert für die Wirtschaft. Wegen der Exportstärke dürfte der Überschuss in der Leistungsbilanz in beiden Jahren bei jeweils rund 8 Prozent des Bruttoinlandsproduktes liegen. Die EU-Kommission sieht bereits Werte ab 6 Prozent als stabilitätsgefährdend an, da Ländern mit Überschüssen Staaten mit hohen Defiziten gegenüberstehen.

Fachkräftemangel beeinträchtigt Wachstum

Allerdings gibt es verschiedene Risiken, die die stabile Lage in Deutschland gefährden. "Die noch verfügbaren gesamtwirtschaftlichen Kapazitäten werden allmählich knapper", hieß es. Die Luft werde "dünner", sagte Ifo-Konjunkturchef Timo Wollmershäuser. In den Unternehmen gibt es bereits eine hohe Kapazitätsauslastung, die zuletzt noch einmal gestiegen sei. Die Firmen sehen aber einen Mangel an Fachkräften als immer größeres Problem.

Ein Risiko sei auch der laufende Handelskonflikt mit den USA. Eine weitere Eskalation dürfte den Welthandel empfindlich behindern und so das Wachstum der Weltwirtschaft mittelfristig spürbar bremsen. Die Ankündigung der USA zu Beginn dieses Jahres, neue Zölle auf Stahl und Aluminium zu erheben, hat den Konflikt angeheizt. Wichtige Handelspartner sind davon vorläufig ausgenommen, darunter auch die EU.

Diskussion um Abschottung belastet Stimmung

Dämpfende Effekte seien aber nicht erst mit der Abschottung von Märkten zu erwarten. "Bereits die Diskussion von solchen Maßnahmen kann die Unsicherheit über die zukünftige Handelspolitik eines Landes erhöhen und die wirtschaftliche Stimmung belasten." Es sei zwar wenig wahrscheinlich, dass der gegenwärtige Handelskonflikt den Aufschwung der Weltwirtschaft zum Erliegen bringe. Eine Ausweitung des Streits sei aber ein Risiko. Sollte der Konflikt dagegen rasch entschärft werden, würde die aktuelle Verunsicherung schwinden und die konjunkturelle Dynamik dürfte deutlich stärker ausfallen als in der Prognose unterstellt.

Die Institute rechnen damit, dass die Weltwirtschaft in diesem Jahr um 3,4 Prozent wächst und damit ähnlich kräftig wie 2017. Nicht zuletzt die Steuersenkung in den USA dürfte die dortige Wirtschaft anschieben und auch auf andere Länder ausstrahlen. Für 2019 sagen die Ökonomen der globalen Konjunktur ein Plus von 3,1 Prozent voraus.

Die Gemeinschaftsdiagnose dient der Bundesregierung als Basis für ihre eigene Prognosen, die kommende Woche veröffentlicht werden sollen. Beteiligt an dem Gutachten sind das Münchner Ifo-Institut, das Berliner DIW, das Essener RWI, das Kieler IfW und das IWH Halle.

mg/dpa-afx/rtr

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