Freitag, 22. Juni 2018

Konjunktur-Studie Trumps Handelspolitik gefährdet deutsche Wirtschaft

Noch rauchen die Schlote, blicken die meisten Unternehmen optimistisch in die Zukunft

Die Gefahr einer Rezession in Deutschland ist Forschern zufolge wegen der Handelspolitik von US-Präsident Donald Trump sprunghaft gestiegen. Doch zeigen sich die Unternehmen noch gelassen, zeigen gleich mehrere Umfragen.

Droht ein Ende des Aufschwungs der deutschen Wirtschaft? Für April bis Ende Juni weise das Frühwarninstrument - das die aktuellsten Daten über die Wirtschaftslage bündelt - eine mittlere Rezessionswahrscheinlichkeit von 32,4 Prozent aus, erklärte das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) am Montag. Im März lag der Wert bei lediglich 6,8 Prozent. Der nach dem Ampelsystem arbeitende Indikator springt dadurch von "grün" auf "gelb" und signalisiert eine erhöhte Unsicherheit.

Die Forscher schlagen deswegen Alarm. "Trumps Flirt mit dem Protektionismus sendet Schockwellen aus, die über die Finanzmärkte auch die deutsche Wirtschaft treffen", sagte der wissenschaftliche IMK-Direktor Gustav Horn. "Noch bevor klar ist, ob die amerikanischen Strafzölle auch auf europäische Waren ausgedehnt werden, breitet sich starke Verunsicherung aus."

Stimmung der Unternehmen mehrheitlich optimistisch, aber ...

Bislang kann die Trumpsche Abschottungspolitik den Optimismus deutscher Unternehmen aber noch nicht trüben. 31 Prozent der vom arbeitgebernahen IW-Institut im März und April befragten Firmen erwarten für 2018 ein Plus im Exportgeschäft. Wie das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) weiter mitteilte, rechnen nur knapp 10 Prozent mit einem Rückgang. Laut der Studie auf Basis von mehr als 2800 befragten Firmen erwarten mehr als die Hälfte ein Produktionsplus. 45 Prozent stellen sich auf höhere Investitionen ein, 46 Prozent wollen auch ihr Personal weiter aufstocken.

Aber auch das IW warnt vor Risiken. "Eine Eskalation der aktuellen Handelsauseinandersetzungen mit weitergehenden globalen negativen Auswirkungen kann jedoch die deutsche Wirtschaft empfindlich treffen und das Wachstum im kommenden Jahr nahezu halbieren", sagte IW-Direktor Michael Hüther in Berlin. "Die mäandernde Rhetorik" des US-Präsidenten verstöre immer mehr und verunsichere Investoren. Dies könne weitere Probleme wie eine Finanzmarktkrise in China oder in Europa nach sich ziehen.


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Die Bundesbank warnt ebenfalls vor einem Handelskrieg. Er beobachte den zunehmenden Protektionismus mit Sorge, erklärte ihr Vorstand Andreas Dombret. "Auch wenn die Globalisierung unerwünschte Verteilungswirkungen für einzelne haben kann, so würden in einem Handelskrieg alle Seiten verlieren." Eine Abkehr vom Multilateralismus hätte gravierende Folgen für Handel und Investitionen.

Auch die Wirtschaftsauskunftei Creditreform sprach von ersten "ernsthaften Gefahren für die hiesige Konjunktur", teilte das Unternehmen am Montag mit. Der deutsche Mittelstand zeige sich davon jedoch noch unbeeindruckt und blickt einer Creditreform-Umfrage zufolge optimistisch in die Zukunft.

Rund ein Drittel der befragten Unternehmen verzeichneten im Frühjahr einen Anstieg der Aufträge. Mehr als 41 Prozent rechnen für das laufende Jahr mit steigenden Umsätzen - im Vorjahr gingen davon noch 38,4 Prozent der befragten Unternehmen aus. Der Geschäftsklimaindex lag bei 28,1 Punkten und damit rund 6 Punkte höher als zum gleichen Zeitpunkt 2017.

Forscher wollen Wachstumsprognosen noch nicht zurücknehmen

Die gewerkschaftsnahen IMK-Konjunkturforscher halten es für verfrüht, ihre Wachstumsprognosen für 2018 und 2019 von 2,4 und 2,2 Prozent zu reduzieren. "Unsere Bedenken wachsen, aber noch gehen wir von einem anhaltenden Aufschwung aus, der im Kern von der Binnenwirtschaft getragen wird", begründete Horn. "Sollte sich die Negativtendenz aber in den kommenden Monaten verfestigen, müssten wir die Wachstumsprognose deutlich nach unten korrigieren." In den ersten beiden Monaten waren beispielsweise Produktion und Einzelhandelsumsatz schwächer als erwartet ausgefallen, was auf ein vergleichsweise schwaches erstes Quartal hindeutet.

In den vergangenen Wochen hat sich der Zwist zwischen den beiden globalen Wirtschaftsmächten China und USA verschärft. Nach der Erhebung von Zöllen auf Stahl- und Aluminium-Importe kündigte Trump zusätzliche Abgaben für 1300 chinesische Produkte im Umfang von 50 Milliarden Dollar an. China drohte umgehend mit Zöllen in ähnlichem Umfang. Trump legte mit einer Drohung von Importabgeben im Volumen von 100 Milliarden Dollar nach.

Besteuerung von Digitalfirmen könnte neues Streitthema werden

Zwischen den USA und Europa gibt es nach einem Zeitungsbericht mit der Besteuerung der digitalen Unternehmen allerdings ein neues Streitthema. Die US-Regierung lehne die EU-Vorschläge dazu scharf ab und betrachte sie als einen Verstoß gegen die Regeln der Welthandelsorganisation (WTO), berichtete das "Handelsblatt". Das hätten US-Vertreter in einer Gesprächsrunde bei der Industrieländerorganisation OECD deutlich gemacht. Die USA werfen den Europäern danach vor allem vor, sie hätten in erster Linie große US-Unternehmen wie Apple, Facebook und Google im Visier. Im deutschen Finanzministerium werde die US-Kritik als Retourkutsche gewertet, weil in der EU Teile der US-Steuerreform als WTO-rechtswidrig eingestuft würden.

rei/Reuters/dpa

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