Montag, 18. Februar 2019

Deflation Deutschlands japanisches Szenario

Rentner: Hauptsache, das System hält noch für den eigenen Lebensabend

Die Deflation eröffnet neue Fronten: Alt gegen Jung, Gläubiger gegen Schuldner, Sparer gegen Spekulanten. In Deutschland dürfte sich schon bald ein japanisches Szenario zeigen - denn eine alternde Gesellschaft ist per definitionem deflationär.

Es war mal wieder eine Woche der Geldpolitiker. EZB-Präsident Mario Draghi sieht keine Deflationsgefahr. Und wenn doch, ist er sich sicher, dass die Europäische Zentralbank genau diese verhindern könnte. In der "Financial Times" meldet sich Investmentlegende George Magnus zu Wort und mahnt die Notenbanken zur Abkehr von ihrer derzeitigen Politik. "Normalisierung" sei angezeigt. Die Deutschen erklären in Umfragen, keine Angst vor Deflation zu haben. Und Wolfgang Münchau erklärt ihnen bei "Spiegel Online", weshalb sie doch welche haben sollten. Ohne meine Argumentation zu dem Thema zu wiederholen, hier noch einmal zur Erinnerung: Deflation ist normal.

Technischer Fortschritt, Prozessverbesserungen und Innovationen führen zu anhaltend sinkenden Preisen. Dies war über lange Zeit in der Vergangenheit der Fall, und gleichzeitig prosperierte die Wirtschaft. Deflationsangst ist nur begründet, wenn Ausgaben aufgeschoben werden, in Erwartung immer weiter fallender Preise. Solange die Deflation im normalen Rahmen bleibt ist dies nicht der Fall. Oder besitzen Sie etwa keinen Computer oder Fernseher? Doch - und das, obwohl Sie wissen, dass die Geräte immer billiger werden und mehr können.

Deflation muss nicht mit Rezession einhergehen

Dass wir nicht immer Deflation haben, liegt letztlich am Wunsch der Politik, nominales Wachstum zu zeigen. Eigentlich wäre das nicht nötig, da eine Preissenkung wie eine Einkommenserhöhung wirkt. Schön sichtbar an den Statistiken, wie lange ein Angestellter in den 1950er-Jahren für ein Flasche Bier arbeiten musste (15 Minuten), verglichen mit heute (3 Minuten).

Damit ist auch klar, dass Deflation keineswegs mit Wirtschaftskrisen und Rezessionen einhergehen muss. Problematisch wird Deflation immer nur dann, wenn die Wirtschaft als Ganzes nicht mehr wächst. Und damit nähern wir uns dem Kern des heutigen Problems.

Vereinfacht gesagt ist nominales Wirtschaftswachstum die Folge von drei Einflussfaktoren: der Anzahl Menschen die im Berufsleben stehen, der Produktivität pro Kopf und der Veränderung des Preisniveaus. In den deflationären Wachstumsphasen der Vergangenheit hatten wir hohes Wirtschaftswachstum dank wachsender Bevölkerung und zunehmender Produktivität. Das BIP wuchs von Jahr zu Jahr, obwohl die Preise sanken. Die Folge war ein breiter Wohlstandsgewinn: die Sparer und Geldvermögensbesitzer bekamen eine real positive Rendite, und die Schuldner konnten dank wachsender Wirtschaft und Einkommen ihre Schulden bedienen.

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