Samstag, 29. April 2017

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Brexit und die Folgen Neun Gründe, jetzt auf Großbritannien zu setzen

Premierministerin Theresa May hat am Dienstag die EU-Austrittserklärung unterzeichnet, die das Land am heutigen Mittwoch in Brüssel einreicht

Neun Monate nach dem Brexit-Referendum hat Großbritannien die Scheidungspapiere in Brüssel eingereicht. Politiker und Medien überschlagen sich mit negativen Kommentaren und prophezeien den Briten schlechte Zeiten. Gut möglich, dass wir uns in ein paar Jahren wünschten, wir wären ausgetreten.

Daniel Stelter

Selten ist die öffentliche Meinung so einheitlich. Die Briten haben eine große Dummheit begangen und werden den Entscheid zum Brexit jahrzehntelang bedauern. Die EU und die Eurozone hingegen werden vom Brexit nicht sonderlich tangiert und die Politiker in Brüssel stellen sicher, dass andere Länder erkennen, dass es sich nicht lohnt, den gleichen Fehler wie die Briten zu begehen.

Wie immer wenn alle einer Meinung sind, lohnt es sich hinter die oberflächlichen Fakten zu blicken. Spricht doch einiges dafür, dass die Briten in einigen Jahren relativ zu uns gar nicht so schlecht dastehen.

1. Kein Absturz der Konjunktur

Ginge es nach den Experten, müsste sich die britische Wirtschaft heute in einer tiefen Rezession befinden. Alle namhaften Auguren vom IWF bis zur Bank of England haben vor dramatischen Folgen gewarnt, sollten die Befürworter eines Brexit bei der Volksabstimmung Erfolg haben. Der Immobilienmarkt würde kollabieren, der Konsum einbrechen und die Wirtschaft abstürzen. Nichts davon ist geschehen.

Zwar stimmt es, dass sich die Preise für Wohnungen im obersten Preissegment in London um circa zehn Prozent ermäßigt haben. Dies aber von einem sehr hohen Niveau aus. Ohnehin war eine Korrektur der Londoner Immobilienpreise überfällig. Wenn schon die kurzfristigen Vorhersagen der Experten so falsch waren, weshalb sollte dann die Langfristprognose stimmen?

2. Heilsamer Schock zur Modernisierung der Wirtschaft

Richtig ist, dass das Pfund wie vorhergesagt deutlich eingebrochen ist. Dadurch wurden Exporte gefördert und Importe verteuert. Ein höchst willkommener Effekt, war doch das Handelsdefizit von rund fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) ohnehin nicht auf Dauer tragbar. Die Briten haben seit Jahren über ihre Verhältnisse gelebt und sich dabei im Ausland immer mehr verschuldet.

Wie wir am Beispiel der heutigen Krisenländer in der Eurozone gut beobachten können, führt dies früher oder später zu einer Krise. Zwar verfügen die Briten über eine eigene Währung und können deshalb auf Schocks besser reagieren, dennoch war eine Anpassung unvermeidlich. Im Zuge des Brexit stellt die Regierung das bisherige Wirtschaftsmodell in Frage und strebt eine Modernisierung und Re-Industrialisierung an. Tiefere Steuern sollen das Land zudem attraktiv für ausländische Investoren machen. Gut möglich also, dass der Brexit-Schock die Grundlage für einen Aufschwung der britischen Wirtschaft legt.

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