Sonntag, 19. November 2017

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Brexit und die Folgen Neun Gründe, jetzt auf Großbritannien zu setzen

Premierministerin Theresa May hat am Dienstag die EU-Austrittserklärung unterzeichnet, die das Land am heutigen Mittwoch in Brüssel einreicht

6. Teil: ... und die smarten Briten

In 10 Jahren wünschten wir, wir wären ausgetreten

Großbritannien hat also gute Chancen, in den kommenden Jahrzehnten schneller zu wachsen als die Eurozone und auch Deutschland. Zwar will die EU mit harten Verhandlungen ein Exempel statuieren, doch wäre das für beide Seiten ein Verlust. England ist ein wichtiger Absatzmarkt, den man sicherlich gerade in Deutschland nicht verlieren will. Wie man am Beispiel von Norwegen, Island und der Schweiz sieht, müssen die Exporte von England auch nicht sinken. Diese Länder exportieren so viel in die EU wie EU-Länder, ohne Mitglied zu sein.

Das höhere Wachstum in Großbritannien ist angesichts der aufgezählten Faktoren fast garantiert. Eine wachsende Bevölkerung, gesteuerte Zuwanderung, herausragende Bildungseinrichtungen und das Weltfinanzzentrum sind die Treiber.

Natürlich lassen sich auch mit Blick auf Großbritannien etliche wirtschaftliche Probleme feststellen: einseitige Abhängigkeit vom Finanzsektor, riesiges Handelsdefizit, schlechte Bildung der breiten Schichten ohne Zugang zu den herausragenden Privatschulen und eine Infrastruktur, die erheblichen Nachholbedarf hat.

Im "Brexit-War-Room" des Verhandlungsteams des Europäischen Rates hängt ein Poster. Darauf ist der belgische Comicheld Titin zu sehen, wie er mit einem Ruderboot im stürmischen Meer treibt, während der Kapitän ein riesiges Feuer entfacht. Titel: "Tintin und der Brexit-Plan." Die Nachricht ist klar: Die Briten versenken gerade ihr eigenes Schiff.

Dagegen spricht, dass das Land in den vergangenen Jahrhunderten nur wenige grundlegende Fehler gemacht hat. Es könnte gut sein, dass auch der Brexit keiner ist. Im Gegenteil: Vielleicht wäre das treffendere Bild jenes eines europäischen Kreuzfahrtschiffes, mit kaputter Steuerung und zerstrittenem Führungsteam ohne klaren Kurs, von dem sich ein kleines Boot mit guten Seeleuten absetzt. Wir Deutschen aus dem Maschinenraum der MS "EU" schauen traurig hinterher.

Das Brexit-Desaster für die Briten ist nicht so ausgemacht, wie es gerne dargestellt wird. Vor die Wahl gestellt, auf die Problemlösungsfähigkeit der EU oder die Anpassungsfähigkeit der Briten zu setzen, wäre meine Wahl klar.

Daniel Stelter ist Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

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