Donnerstag, 8. Dezember 2016

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BCG-Partner Rainer Strack "Deutschland braucht zehn Millionen Mitarbeiter zusätzlich"

Globale Arbeitsmarktkrise: Wo 2030 noch Talente zu finden sind
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DPA

Nicht nur in Deutschland droht bis 2030 ein Arbeitskräftemangel, sondern sogar weltweit, mahnt Boston Consulting. Im Interview erklärt BCG-Partner Rainer Strack, wie wir einen Zehn-Billionen-Dollar-Schaden vermeiden können.

mm: Herr Strack, in Ihrer neuen Boston-Consulting-Studie (PDF) warnen Sie vor einem globalen Arbeitskräftemangel bis 2030. Wie kommen Sie zu dieser Prognose?

Strack: Wir analysieren, wie entwickeln sich Personalbestand und Personalbedarf an Arbeitskräften bis 2030 für 25 der größten Volkswirtschaften. Beim Personalbedarf machen wir keine Vorhersage, sondern berechnen zwei Szenarien. Wenn Deutschland im Bruttoinlandsprodukt genauso wachsen will wie in den letzten zehn oder 20 Jahren, mit der gleichen Produktivitätssteigerung, dann können wir mit einer einfachen Formel genau vorhersagen, wie viele Arbeitskräfte dafür benötigt werden. Wer soll das produzieren, wenn die Mitarbeiter dafür nicht da sind?

Für den Personalbestand gibt es Zahlen der Internationalen Arbeitsorganisation ILO. Die sind relativ stabil bis auf das Thema Migration, denn die Arbeitskräfte von 2030 müssen heute schon geboren sein. Und dann stellen wir Personalbedarf und Personalbestand gegenüber und können so sehen, wo eher ein Mangel oder ein Überschuss an Arbeitskräften besteht.

mm: Der angedrohte Schaden für die Weltwirtschaft von zehn Billionen Dollar klingt schon dramatisch.

Strack: In der Öffentlichkeit sprechen wir momentan nur über die Finanzkrise und Schuldenkrise, aber vielleicht steht uns noch eine viel größere Krise auf dem Arbeitsmarkt bevor. Wenn wir nur in den Rückspiegel schauen, sieht das alles nicht so dramatisch aus. Aber wir sind gerade an einem Wendepunkt. In mehreren Ländern beginnt das Angebot der Arbeitskräfte zu schrumpfen. Das gab es in den vergangenen 1000 Jahren nur bei großen Kriegen oder Pestepidemien.

Ich bin 1964 geboren, das war das Jahr mit der höchsten Geburtenzahl in Deutschland, knapp 1,3 Millionen. Letztes Jahr waren es etwas mehr als 600.000. Gegensteuern ist jetzt schon in vielen Bereichen schwierig.

mm: Kann man das nicht auch positiv sehen, weil wir uns vom Problem der Massenarbeitslosigkeit verabschieden können? Wird es der Jahrgang 2014 leichter haben, sich am Arbeitsmarkt zu behaupten als der Jahrgang 1964?

Strack: In Deutschland definitiv. Das Talent wird zukünftig das Unternehmen aussuchen und nicht umgekehrt. Unsere Studie ist die erste, die ein weltweites Bild zeichnet. Da sieht es mancherorts ein bisschen anders aus. Kurzfristig, bis 2020, ist Deutschland stark betroffen, aber auch andere Länder wie die Schweiz, Polen, Russland, Südkorea oder Brasilien. Bis 2030 wird es fast weltweit zu einem dramatischen Problem. Deshalb wird es auch schwieriger, nur auf Migration zu setzen, um die Lücke zu schließen.

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