Samstag, 18. November 2017

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Umfragen Wirtschaft sieht keinen Grund für Pessimismus

Skepsis, aber kein Pessimismus: Nur elf von 46 Brancheverbänden erwarteten schlechtere Geschäfte als 2012. 20 Verbände erwarten für 2013 eine leichte Verbesserung bei Produktion, Umsatz und Geschäftsergebnis, 15 gehen von gleichbleibend guten Geschäften aus

Die Euro-Schuldenkrise verunsichert Unternehmen in Deutschland. Auch die Wahlversprechen der Parteien stimmen sie skeptisch. Für Konjunkturpessimismus sehen sie aber keinen Grund, zeigen Umfragen unter 46 Branchen und Wirtschaftsverbänden.

Berlin - Die deutsche Wirtschaft schwankt vor dem Jahreswechsel zwischen Hoffen und Bangen. Zwar rechnen Spitzenvertreter der Verbände in der traditionellen Umfrage der Nachrichtenagentur Reuters zum Jahresende nicht mit einer Rezession. Aber die Euro-Schuldenkrise und die Energiewende sorgen weiter für Unsicherheit.

Ungemach könnte der am Mittwoch veröffentlichten Befragung der wichtigsten Verbandschefs zufolge der Bundestagswahlkampf 2013 mit sich bringen: mit teuren Wahl-Versprechen und einem Entscheidungsstillstand in der Politik. Auch in einer Umfrage des arbeitgebernahen Instituts IW ist von Sektlaune keine Spur.

"Ich hoffe auf ein etwas ruhigeres Fahrwasser 2013", sagte der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Hans Heinrich Driftmann. Er erwartet ein Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von 0,7 Prozent. Das wäre etwas weniger als die Regierung, die bislang von einem Prozent ausgeht. Grund zur Zuversicht sieht der Präsident des Handelsverbandes BGA, Anton Börner: "Das Ende der Stimmungstalfahrt scheint erreicht." Nach einer Delle zum Jahreswechsel dürfte es wieder leicht aufwärtsgehen.

Dazu dürften die deutschen Exporte wohl entscheidend beitragen. Börner rechnet damit, dass sie im kommenden Jahr um bis zu 5 Prozent wachsen. Damit würden die Ausfuhren auf rund 1,16 Milliarden Euro steigen, die Zuwachsraten allerdings hinter den Rekordwerten der vergangenen Jahre zurückbleiben. Hauptgrund ist laut Börner die Euro-Schuldenkrise, die aus seiner Sicht noch nicht überwunden ist.

DIHK, BGA, BDI, BDA zeigen sich relativ optimistisch

Der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), Markus Kerber, sagte, wenn es gelinge, die Euro-Zone zu stabilisieren und die Wettbewerbskraft in Europa zu fördern, "erwarten wir ab Mitte 2013 ein erneutes Anziehen der Weltwirtschaft, das sich positiv auch auf die deutschen Exporte auswirken wird". Positive Signale kommen ebenso vom Handwerk. Dessen Präsident Otto Kentzler sagte: "Das Handwerk erwartet eine stabile Konjunkturentwicklung auf dem erreichten hohen Niveau".

Auch nach Ansicht von Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt stehe Deutschland nicht vor der nächsten Wirtschaftskrise. "Ich bin überzeugt, dass wir in Deutschland keine Rezession erleben und auch 2013 ein Wirtschaftswachstum in etwa der diesjährigen Größenordnung erreichen werden", sagte der Präsident der Bundesvereinigung der Duetschen Arbeitgeberverbände (BDA). "Wir haben eine leichte Abschwächung der wirtschaftlichen Entwicklung, befinden uns aber von Ausnahmen abgesehen immer noch auf einem erfreulich hohen Niveau."

Der Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), Michael Sommer, sieht keinen Anlass für Konjunkturpessimismus. "Niemand sollte in Deutschland ein Interesse daran haben, eine Krise herbeizureden", sagte er der deutschen Presseagentur.

Eine Rezession ist den Verbänden zufolge also anders als in anderen Ländern der Euro-Zone hierzulande nicht zu befürchten. Allerdings bleibt die Euro-Krise ein Unsicherheitsfaktor, ebenso wie die Kosten der Energiewende.

Wirtschaft kritisiert Energiewende und Wahlversprechen

"Neben der Sorge um Europa sind aus Sicht der Industrie die Energie- und Rohstoffpreise das größte Konjunkturrisiko", sagte Driftmann: "Das bisherige Management der Energiewende lässt zu Wünschen übrig." Kerber warnte: "Bei der Energiewende ist die Wirtschaftlichkeit bereits jetzt akut gefährdet."

Sorge bereiten den Verbandschefs zudem die Versprechen der Parteien vor der Bundestagswahl im Herbst. So beobachtet Kerber schon jetzt "einen gefährlichen Wettlauf unausgegorener und schädlicher Ideen" wie verbindliche Mindestlöhne, das Zurückdrehen von Flexibilität am Arbeitsmarkt oder die Wiederbelebung der Vermögensteuer.

Handwerkspräsident Kentzler warnte vor "neuen Wohltaten zulasten der strapazierten Staatskassen". Sein DIHK-Kollege Driftmann stieß ins gleiche Horn: "Es ist völlig fehl am Platz, dass die Regierung zum Beginn des Wahlkampfes den Geldhahn aufdreht."

Für Unruhe in den Verbänden sorgt zudem die Aussicht, dass im Wahljahr wichtige Weichenstellungen aufgeschoben werden könnten. "Auch in Wahlkampfzeiten dürfen wichtige Entscheidungen wie in der Energiepolitik nicht vertagt werden", mahnte Kerber.

IW-Umfrage: Mehrheit erwartet 2013 stabile Beschäftigung

Das IW zog aus seiner Umfrage unter 46 Branchenverbänden den Schluss, dass in der einen Hälfte der Unternehmen die Stimmung schlechter ist als vor einem Jahr, in der anderen Hälfte aber immerhin unverändert.

Erstmals seit der Finanzkrise 2008/2009 habe es in keinem Wirtschaftszweig eine bessere Stimmungslage zum Vorjahr gegeben. Dennoch rechnen 20 der 46 Lobbygruppen für 2013 mit einem leichten Plus bei Produktion, Umsatz und Ergebnis. Eine Stagnation erwarten 15 Verbände, nur elf Verbände erwarten schlechtere Geschäfte als im auslaufenden Jahr.

"Die beachtliche Differenz zwischen Stimmung und Lage macht deutlich, wie leicht die Politik durch unbedachtes Reden und Handeln Vertrauen verspielt und wie schwer es ist, dies zu korrigieren", sagte IW-Direktor Michael Hüther. Vor allem bei der Beschäftigung zeige sich, dass die Euro-Schuldenkrise "mehr ist als nur ein kurzzeitiger Stimmungskiller".

Zwar geben 29 von 46 Wirtschaftsverbänden an, dass die Zahl der Mitarbeiter 2013 wohl unverändert bleibe. Doch immerhin elf Verbände befürchten einen Personalabbau. Sechs Branchen erwarten Neueinstellungen: die Immobilien-, die Informationswirtschaft, das Messewesen, die Feinmechanik und Optik, der Luft- und Raumfahrtzeugbau sowie die Groß- und Außenhändler.

rei/rtr/dpa

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