Mittwoch, 14. November 2018

Wegweiser Die Kapriolen des GfK-Konsumindikators

Shopping-Laune: Deutschlands Konsumenten prassen im internationalen Vergleich weniger kräftig

Nur wenige Wirtschaftsdaten werden Monat für Monat mit großer Spannung erwartet. Der am Dienstag veröffentlichte GfK-Konsumklimaindex gehört zu dieser erlauchten Gesellschaft. Dumm nur, dass genau diese Prognose in der Vergangenheit oft deutlich daneben gelegen hat.

Hamburg - Sehnsüchtig erwartet, aber nicht immer im gleichen Maße hilfreich: Der Konjunkturindikator der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) hat es in eine eigene Liga geschafft. Kaum veröffentlicht, befragen Nachrichtenagenturen Heerscharen von Analysten und Prognostiker, wie die aktuellen Werte des Indikators zu interpretieren seien. Das ist nicht weniger, als der Ritterschlag für jeden Konjunkturindikator, den es derzeit so gibt, und das sind viele. Doch interpretiert wird dann ausgerechnet das mit einiger Akribie, was als Wegweiser für die Konjunkturentwicklung hierzulande nicht immer hielt, was sich die Interviewer erhofften.

Zumindest in der Vergangenheit hat sich die reale Entwicklung oft nicht an die Prognose der Nürnberger Forscher gehalten. Für die Monate März bis Juni beispielsweise signalisierte der Gfk-Index ein Minus des inländischen Konsums von 0,32 bis 0,37 Prozent. Der Konsum der Privathaushalte sank dagegen nach ersten Schätzungen um 1,0 Prozent - und damit in etwa drei Mal so stark wie das, was die GfK vorhergesagt hatte. Kein Einzelfall: Zumindest in der Vergangenheit hat sich die reale Entwicklung oft nicht an die Prognose der Nürnberger Forscher gehalten.

In der GfK-Zentrale heißt es dazu, mehr sei von einem lediglich auf Befragungen beruhenden Indikator auch nicht zu erwarten. "Wichtig ist vielmehr, dass etwaige Wendepunkte in der Entwicklung korrekt erfasst werden", erklärt Rolf Bürkl von der GfK. Tatsächlich war beispielsweise die Krise Ende 2001 zuerst im Konsumklimaindex zu sehen, bevor im ersten Quartal 2002 der Verbrauch der privaten Haushalte tatsächlich einbrach. Wenn die Forscher dabei Recht behalten, dürfen die Einzelhändler schon mal den Sekt kaltstellen: Im Oktober lag der Konsumklimaindex für Deutschland so hoch, wie seit drei Jahren nicht mehr. Zuletzt allerdings verflachte die Verbraucherstimmung nach GfK-Meinung wieder etwas.

Doch wie kommt diese Prognose eigentlich zustande? Deutschlands größter und wohl auch ältester Marktforscher, die GfK, errechnet ihren Index Monat für Monat neu. Dazu erhebt die GfK im Auftrag der Europäischen Union jeden Monat fünf Indikatoren. Drei davon gehen in den Konsumklimaindex ein, nämlich die Anschaffungs- und die Sparneigung sowie die Einkommenserwartung. Die Preis- und die Konjunkturerwartung werden ebenfalls erhoben, aber nur als Einzelwerte betrachtet.

Extremwerte nicht gewichtet

Die Indikatoren werden in einer Haushaltsbefragung ermittelt. Zur Berechnung der Einkommenserwartung fragen die Forscher beispielsweise: "Wie wird sich Ihrer Ansicht nach die finanzielle Lage Ihres Haushaltes in den kommenden zwölf Monaten entwickeln?" Der Prozentsatz der negativen Antworten wird dann von den positiven abgezogen. Antworten alle Befragten mit "Wird viel besser werden" oder "Wird besser werden", liegt der Wert also bei +100, sind alle Befragten pessimistisch bei -100. Dabei macht es keinen Unterschied, ob die Befragten eine "viel bessere" oder nur eine "bessere" Entwicklung erwarten.

Untersuchungen hätten gezeigt, dass eine Gewichtung der Extremwerte kein besseres Ergebnis zur Folge hätte, heißt es bei der GfK zur Begründung. Ohnehin würden nur sehr wenige Befragte starke Veränderungen erwarten. Der Saldo aus positiven und negativen Antworten wird dann so umgerechnet, dass der langjährige Durchschnitt bei 0, der Indikator aber weiterhin zwischen +100 und -100 liegt. Werte über 60 oder unter -60 wurden allerdings seit Beginn der Erhebung Anfang der 80er Jahre für keinen der fünf Indikatoren gemessen.

Aus der Einkommenserwartung, der Anschaffungs- und der Sparneigung wird schließlich der Konsumklimaindex berechnet. Dieser schätzt die Entwicklung des realen privaten Verbrauchs. Dazu führen die Forscher eine Regressionsanalyse durch. Dabei untersuchen sie, wie die drei Indikatoren in der Vergangenheit mit der tatsächlichen Entwicklung des privaten Verbrauchs zusammenhingen. Das übertragen sie dann auf die aktuellen Daten. 10 Punkte stehen dabei für ein Prozent Veränderung. Ein Wert von 4,9 wie im Oktober bedeutet also, dass der private Verbrauch nach Abzug der Inflation 0,49 Prozent höher liegen wird als ein Jahr zuvor.

Allerdings: Nicht nur die aktuellen Schätzungen der Konsumlage für die Monate März bis Juni gingen vergleichsweise deutlich an der später tatsächlich gemessenen Veränderung vorbei. Auch in der Vergangenheit hat sich die reale Entwicklung oft nicht an die Prognose der Nürnberger Forscher gehalten. Vielleicht sollten Deutschlands Einzelhändler deshalb doch noch einmal abwarten, ob sie wirklich schon Sekt kalt stellen sollen.

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