Donnerstag, 29. September 2016

Alle Artikel und Hintergründe

Gespräch mit Goldman-Sachs-Chefvolkswirt und Europa-Anlagechef der Allianz Brexit, Flüchtlingskrise, Schulden - zerbricht Europa?

Britisches Pfund, US-Dollar, Hong Kong Dollar, Euro: Die Anlagestrategen von Allianz Global Investors und Goldman Sachs sind optimistisch, dass Europa die aktuellen Krisen übersteht. Die Europäische Idee sei "so groß, dass sie weitere Jahrzehnte halten wird"

Zerbricht Europa? Und wenn ja: mit welchen ökonomischen Folgen? Dirk Schumacher, Goldman-Sachs-Chefvolkswirt für Deutschland, und Jörg de Vries-Hippen, Europa-Aktienchef von Allianz Global Investors, sind trotz aller Krisensignale viel optimistischer für den Kontinent als es die aktuelle Lage erwarten lässt. Wie sie ihre Zuversicht begründen, warum das China-Problem beherrschbar ist und welche Hoffnung sie auf Russland setzen, sagen sie im Gespräch mit manager-magazin.de.

mm: Meine Herren, es scheint, als sei Europas Niedergang kaum aufzuhalten. Die Flüchtlingskrise entzweit die Union, die Schuldenkrise ist ungelöst, Großbritanniens Austritt aus der EU wird immer realistischer. Droht ein verlorenes Jahrzehnt?

de Vries-Hippen: Das ist mir zu negativ. Dass wir Probleme haben, ist offenkundig. Aber das sind hauptsächlich politische Probleme, wo sich unglaubliche Differenzen offenbaren. Europa ist immer stärker geworden in Krisenzeiten. Die Idee ist so groß, dass sie weitere Jahrzehnte halten wird.

Schumacher: Es gibt sicherlich große Herausforderungen. Kurzfristig die größte ist der Brexit, mittelfristig noch gravierender ist die Flüchtlingskrise. Hier bergen nationale Lösungen die Gefahr, dass der Handel massiv Schaden nimmt. Spätestens dann, wenn Österreich die Grenze zu Italien schließt. Deshalb ist es so wichtig, die Außengrenzen zu schützen. Dass die Bundesregierung im Herbst im Alleingang die Türen für Flüchtlinge aufgemacht hat, macht eine gemeinsame Lösung nicht gerade einfacher. Aber ich glaube, dass wir die Krise lösen können.

mm: Aber was macht Ihnen Hoffnung, dass es gut ausgeht - außer die historische Gewissheit, dass es noch immer so gekommen ist?

Dirk Schumacher
  • Copyright: Mark McQueen
    Mark McQueen
    Dirk Schumacher ist Chefvolkswirt von Goldman Sachs für Deutschland.
Schumacher: Die Vermutung, dass es letztlich ein großes Maß an Rationalität und keine besseren Alternativen gibt. Das haben wir ja in der Griechenland-Krise gesehen, als wir ganz tief in den Abgrund schauen mussten.

mm: Aber gelöst ist dieses Problem dadurch nicht!

Schumacher: Nein, aber es hätte viel schlimmer kommen können. Wenn der Druck groß genug ist, hat man sich bislang noch immer geeinigt. Das ist keine Garantie, aber es spricht dafür, dass es wieder so kommt.

de Vries-Hippen: Ich fürchte auch, dass wir noch etwas mehr in den Abgrund schauen müssen, eher wir eine Lösung hinkriegen. Dabei ist Angst eigentlich der schlechteste Ratgeber. Mit Emotionen kriegt man keine Krise gelöst.

mm: Der Ausgang des britischen Referendums zum Verbleib in der Europäischen Union wird stark von Tagesaktualität bestimmt sein. Das ist doch hoch riskant, oder?

de Vries-Hippen: Schon, aber wir stehen ja erst am Anfang der Debatte. Mich stimmt positiv, was der britische Premier David Cameron in den Verhandlungen mit den Europäern sagt: dass Europa seine Struktur grundlegend reformieren muss. Das will die Mehrheit der Deutschen auch.

mm: Aber abstimmen müssen die Briten, nicht die Deutschen!

Jörg de Vries-Hippen
  • Copyright: Stefan Krutsch
    Stefan Krutsch
    Jörg de Vries-Hippen ist Europa-Aktienchef von Allianz Global Investor.
de Vries-Hippen: Sicher, aber die öffentliche Diskussion bringt Europa weiter. Es wäre unglaublich schwierig, wenn die Briten nicht mehr Mitglied der EU wären. Das, was Cameron fordert, würde Europa gut tun.

mm: Die Gefahr ist groß, dass nach einem Brexit der Einfluss protektionistischer Kräfte in Europa immer stärker wird. Deutschland wäre fast isoliert.

Schumacher: Ein Brexit würde die Gewichte innerhalb der EU verschieben. Das ist sicherlich ein guter Grund dafür zu kämpfen, dass die Briten drinbleiben. Andererseits: Der Freihandel in der EU würde ja nicht einfach so verschwinden. Dafür garantieren schon Frankreich und Deutschland.

Seite 1 von 3
Mehr manager magazin
Zur Startseite

© manager magazin 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH