06.12.2017

Unmut in Osteuropa

Arm trotz Boom - Wie deutsche Konzerne Tschechen und Polen ausnutzen

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Nationalisten marschieren in Warschau

Eigentlich geht es ihnen doch gut. Die Wirtschaftsdaten der mittelosteuropäischen Višsegrad-Staaten (Polen, Tschechien, Slowakei, Ungarn) stellen eine Erfolgsstory des Aufholens zum reichen Westen dar. Tschechien hat sogar die niedrigste Arbeitslosenquote in der EU. Politisch aber ist die Region in Aufruhr. In allen vier Staaten kommt der Ruf nach nationaler Abschottung nun auch von den Regierungsbänken.

"Die Gründe für diesen Populismus sind komplex", erklärt der Ökonom Simon Tilford vom Centre for European Reform - aber er hat auch noch einen Grund gefunden, den scheinbaren Widerspruch zwischen rosiger wirtschaftlicher Lage und düsterer politischer Stimmung aufzulösen.

Und der ist einfach: Die wirtschaftliche Lage ist gar nicht so rosig wie sie scheint. "Die Ökonomie liefert wahrscheinlich einen größeren Teil der Erklärung, als die positiven Kennziffern nahelegen", heißt es in einer Kurzstudie Tilfords.

Das Bild wird verzerrt durch das besondere Wirtschaftsmodell der Visegrad-Staaten - und das hat viel zu tun mit der Strategie westlicher Konzerne wie Volkswagen , dort eine verlängerte Werkbank zu errichten. Als Dumping-Standort mit niedrigen Löhnen, niedrigen Steuern, niedrigen Preisen und billiger Währung (außer im Fall des Euro-Mitglieds Slowakei) haben die vier Staaten im vergangenen Jahrzehnt reichlich ausländisches Kapital angelockt und sind zusammengenommen zum größten Handelspartner Deutschlands aufgestiegen.

Das am Bruttoinlandsprodukt gemessene Pro-Kopf-Einkommen ist in der Tschechischen Republik auf 82 Prozent des Niveaus in der Euro-Zone gestiegen - höher als in Portugal oder Griechenland. Auch das vergleichsweise arme Polen kann sich mit einem Vergleichswert von 64 Prozent inzwischen zu den Ländern mit hohem Einkommen zählen.

Das Bruttonationaleinkommen jedoch ist in allen vier Staaten spürbar geringer als das Bruttoinlandsprodukt, wenn auch nicht so krass wie im für irreführende Wirtschaftsstatistik bekannten Irland. Das bedeutet, dass der den Inländern zukommende Wohlstand geringer ist als der im Inland erzeugte Wohlstand. Die Differenz entsteht beispielsweise durch Kapitaleinkünfte, die ins Ausland überwiesen werden - die Gewinne der deutschen Konzerne. In Deutschland ist es umgekehrt: Das Bruttonationaleinkommen ist größer als das Bruttoinlandsprodukt.

Noch deutlicher wird der Kontrast an der Vergütung von Arbeitnehmern. Hier erreichen die Ostmitteleuropäer nur zwischen 50 Prozent (Ungarn) und 59 Prozent (Tschechien) des Niveaus in der Euro-Zone.

"Durchschnittliche Haushalte haben nicht genug von den Früchten des Wachstums gesehen", folgert Tilford. "Die Belohnung ging überwiegend an die Kapitalbesitzer, und das heißt in diesen Ländern tendenziell an Ausländer." Das rechtfertige zwar keine Ausländerfeindlichkeit oder autoritäre Sehnsüchte, mache den wachsenden Unmut aber auch in wirtschaftlicher Hinsicht verständlich.

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Volkswagen-Manager müssen ein neues slowakisches Wort lernen: Štrajk. Erstmals in der Geschichte des Werks Bratislava sind die Arbeiter dort am Dienstag in den Streik getreten. Sie fordern vom größten Arbeitgeber des Landes 16 Prozent mehr Lohn.

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Der Arbeitskampf stellt die Niedriglohnstrategie infrage, die die kleine Slowakei zu dem Land mit der weltweit größten Autoproduktion pro Kopf gemacht hat. 1800 Euro brutto im Monat sind genug, findet der Wolfsburger Konzern - das sei fast das Doppelte des örtlichen Durchschnitts, und zum gegenwärtigen Wechselkurs mehr als bei der tschechischen Konzerntochter Škoda. "Für euch das Maximum, für uns das Minimum", beklagen dagegen die Gewerkschafter.

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Das aus den 70er Jahren stammende Werk gehört bereits seit 1991 zu Volkswagen. Die Produktion nahm jedoch erst ab der Jahrtausendwende Fahrt auf, als sich die Slowakei für ausländische Investoren öffnete, ihnen das passende Arbeitsrecht und eine niedrige Flat Tax bot.

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Heute produzieren gut 12.000 Beschäftigte an vier Standorten fast 400.000 Autos im Jahr. Bratislava ist laut Volkswagen "der einzige Produktionsstandort in der Automobilindustrie, an dem fünf Marken unter einem Dach gefertigt werden". Neben den Geländewagen VW Touareg, Audi Q7 und Porsche Cayenne (von letzterem nur die Karosserie, die Endmontage findet in Leipzig statt) sind das auch die Kleinwagen VW Up, Seat Mii und Škoda Citigo. Das bringt eine andere Rolle des Standorts - aus der "verlängerten Werkbank" ist ein zentraler Teil des Produktionsnetzes geworden.

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Die Slowakei zählt zu den exportabhängigsten Ländern der Welt, die Ausfuhren entsprechen rund 100 Prozent der Wirtschaftsleistung - in erster Linie Autos. Neben niedrigen Löhnen und Steuern lockt auch die logistisch gute Lage. Bratislava ist nur eine halbe Stunde von Wien entfernt. Im Unterschied zu den tschechischen, ungarischen und polnischen Standorten der Autoindustrie entfällt für die Slowakei das Wechselkursrisiko - seit 2009 zählt das Land zur Euro-Zone. Dafür kann es nicht mehr abwerten, um trotz steigender Löhne wettbewerbsfähig zu bleiben.

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Der sozialdemokratische Premierminister Robert Fico, der mit Hilfe von Nationalisten regiert, schlägt einen selbstbewussteren Ton gegenüber Investoren wie Volkswagen an: "Warum sollte ein Unternehmen, das die hochwertigsten und luxuriösesten Autos mit einer hohen Arbeitsproduktivität baut, seinen slowakischen Arbeitern die Hälfte oder ein Drittel dessen zahlen, was es den gleichen Mitarbeitern in Westeuropa zahlt?", zitiert ihn Reuters. Die Flat Tax hat Fico bereits wieder abgeschafft, den Steuersatz für Unternehmen erhöht.

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Die Attraktivität des Standorts scheint bisher ungebrochen. Im nahen Trnava montiert der PSA-Konzern mit 3000 Beschäftigten ebenfalls mehr als 300.000 Fahrzeuge pro Jahr, neben dem Citroën C3 Picasso vor allem den Peugeot 208. Wenn PSA Opel übernimmt, wird der Erfolg des europäischen Volumenherstellers auch von billiger Produktion abhängen. Trnava ist neben einem tschechischen Joint-Venture mit Toyota das einzige PSA-Werk in Osteuropa. Gerade haben die Franzosen sich mit der Gewerkschaft auf eine vierte Schicht mit 800 neuen Jobs geeinigt, die Löhne steigen dort um 6,3 Prozent.

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Insgesamt stellen die Slowaken mehr als eine Million Autos im Jahr her, mehr als die traditionelle Autonation Italien. Als dritter großer Hersteller ist seit 2006 die südkoreanische Marke Kia mit dem Werk Žilina vertreten.

Kia

Das mit Hyundai verflochtene Unternehmen kam durch das slowakische Investment erstmals mit eigener Produktion nach Europa. Das Modell Ceed verkörpert den Stolz darauf: Der Name enthält das Kürzel für "europäisches Design".

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Knapp 4000 Menschen arbeiten in der Fabrik mit Kapazität für 350.000 Autos pro Jahr. Auch am Niedriglohnstandort Slowakei läuft die Autoproduktion hochautomatisiert, um Arbeit zu sparen. Auch Kia bietet den Slowaken 7,5 Prozent mehr.

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2018 will der britische Hersteller Jaguar Land Rover eine neue Fabrik in Nitra eröffnen, die "eine ganze Reihe völlig neuer Fahrzeuge" in Aluminium-Leichtbau herstellen soll. Im Vollbetrieb sollen 2800 Arbeiter bis zu 150.000 Autos im Jahr herstellen und die Präsenz auf dem Kontinent sichern, während sich die britische Heimat vom wichtigsten Absatzmarkt der Firma abwendet. Jaguar Land Rover will personalsparend als erster Kunde eine neue Automatisierungstechnik des deutschen Roboterherstellers Kuka in der Slowakei einsetzen.

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Im Windschatten der großen Konzerne hat sich auch eine Autoindustrie der kleinen Manufakturen in der Slowakei etabliert. In Kleinserie baut das Unternehmen K-1 Engineering in Bratislava einen Roadster namens Attack.

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Für die Zukunft der Mobilität will ein weiterer slowakischer Hersteller dem Auto Flügel verleihen. Aeromobil aus Bratislava zählt zu den Anwärtern, die ein Flugauto auf den Markt bringen wollen. Nach eigenen Angaben soll es 2020 so weit sein, da bereits Dutzende Bestellungen vorliegen. Für solche Projekte mit viel Handarbeit dürften die Arbeitskosten durchaus noch relevant sein.

Volkswagen hat den Backlash bereits zu spüren bekommen, als die Beschäftigten in der Slowakei in diesem Sommer erstmals für eine deutliche Lohnerhöhung streikten - auch unter dem Hinweis ihres Ministerpräsidenten, dieselbe Produktivität wie in deutschen VW-Werken müsse auch genauso vergütet werden.

Tilford glaubt, dass die Westkonzerne eine gewisse Anhebung des Lohnniveaus durchaus mitmachen würden, ohne dem Standort Ost gleich wieder den Rücken zu kehren. Es sei aber fraglich, ob nach den einfachen Fabrikarbeiten auch Produktionsschritte mit höherer Wertschöpfung in die Visegrad-Staaten verlagert würden. Das wäre die notwendige Bedingung, um aus dem Boom der Direktinvestitionen dauerhaft steigenden Wohlstand zu machen.

Die Prognosen sehen eher schlecht aus. Nach Schätzung des Internationalen Währungsfonds holt der Osten in den kommenden Jahren schon nicht mehr gegenüber Westeuropa auf. Migration spielt dabei auch eine Rolle: Nach jahrelanger Auswanderung fehlt es vor allem an jungen Fachkräften. Den nationalistischen Führern traut Tilford keinen Ausweg aus der Misere zu. "Am wahrscheinlichsten tun sie nichts, um die Binnenkonjunktur zu stärken, vergraulen aber zugleich die Investoren."

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