Dienstag, 27. Juni 2017

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Das realitätsferne Gerede von der deutschen Leitkultur Wir brauchen eine europäische Leitkultur

Die Uffizien in Florenz.

Quer durch Europa beschwören Politiker die nationale Selbstbesinnung. Statt Unterschiede zu betonen, sollten wir lieber herausstreichen, was uns als Europäer verbindet. Denn in Wahrheit sind wir längst weiter.

Henrik Müller
manager magazin
Henrik Müller ist Professor für wirtschaftspolitischen Journalismus an der Technischen Universität Dortmund. Zuvor war Müller stellvertretender Chefredakteur des manager magazins.

Wer sind wir? Was sind wir? Wer gehört dazu, wer nicht? Wie muss man sein, um dazuzugehören? Fragen, die derzeit viele Nationen beschäftigen.

Im französischen Wahlkampf ging es nicht nur um Wirtschaftsreformen und die Mitgliedschaft in EU und Euro, sondern letztlich auch um sehr unterschiedliche Interpretationen des Französischseins. In Großbritannien rücken die bevorstehenden Brexit-Verhandlungen und die beginnenden Kampagnen für die Unterhauswahlen die englische Identität in den Mittelpunkt. In Polen ist eine nationalkonservative Regierung am Werk, in Ungarn beschwört Premier Viktor Orban die angeblich uralten Traditionen des Magyarentums. Selbst in Deutschland ist erneut ein Streit darüber aufgeflackert, ob wir eine "Leitkultur" brauchen und was das eigentlich ist.

Es sind schwierige Debatten, die die Gefahr tiefgreifender Konflikte in sich bergen. Wer sich hart gegen die jeweils anderen abgrenzt, zieht emotionale Grenzen - innerhalb von Gesellschaften und zwischen ihnen -, die das gedeihliche und friedliche Zusammenleben erschweren. Ein neonationaler Zeitgeist hat sich ausgebreitet, nicht nur in Europa, sondern auch in den USA, in China oder in Japan. Die Entwicklung birgt das Risiko, in schlechte alte Zeiten zurückzufallen: in die Manien und Konflikte des 19. und frühen 20. Jahrhunderts.

Aber es sind auch notwendige Debatten. Ohne gemeinsame Identität zerfallen Gesellschaften in ihre Einzelteile. Soziale Normen - was man tut und was man unterlässt - erleichtern gesellschaftliche und ökonomische Transaktionen. Sie schaffen Nähe, Vertrautheit und Vertrauen. Ohne ein kollektives Gefühl der Solidarität ist es kaum möglich, eine Demokratie zusammenzuhalten oder einen großen Teil der Einkommen innerhalb von Sozialstaaten umzuverteilen. Wenn jeder nur versucht, sich rücksichtslos durchzusetzen, ist freie Entfaltung unmöglich.

So gesehen bedingen kollektive Identität und individuelle Freiheit einander. Auch ökonomischer Erfolg, wirtschaftspolitische Handlungsfähigkeit und soziale Absicherung hängen letztlich davon ab, wie reibungslos Menschen miteinander kooperieren können und wie stark sie einander vertrauen.

Die Idee allerdings, es sollte so etwas wie eine deutsche Leitkultur geben, ist kontraproduktiv. Seit der damalige Unionsfraktionschef Friedrich Merz den Begriff Anfang der Nullerjahre propagierte, hat er nicht recht verfangen. Dem aktuellen Versuch von Innenminister Thomas de Maizière (CDU), ihn mit Inhalt zu füllen, dürfte ein ähnliches Schicksal widerfahren.

Das hat zwei Gründe:

Erstens hilft der Rückbezug auf nationale Kategorien nicht dabei, die anstehenden Probleme zu lösen. Die Herausforderungen, vor denen die Europäer, aber auch die Menschheit insgesamt heute und in absehbarer Zukunft stehen, überscheiten längst nationale Grenzen. Finanzkrisen, Migrationsbewegungen, Terrorismus, Rüstungswettläufe oder der Klimawandel erfordern übernationale Strategien. Dauerhaft stabile Lösungen lassen sich nur in dem Bewusstsein erarbeiten, dass wir langfristige gemeinsame Interessen teilen. In diesem Sinne müssen kollektive Identitäten dazu beitragen, Grenzen zu überwinden, keine neuen zu ziehen.

Zweitens lässt sich eine Leitkultur nicht von oben verkünden. Im 19. Jahrhundert war das anders. Damals trugen staatliche Schul- und Wehrpflicht entscheidend dazu bei, dass sich Gesellschaften von Millionen Menschen plötzlich als Nationen verstanden, die kollektive Eigenschaften und Werte teilten - und die sich mit gemeinsamen Feinden konfrontiert glaubten.

In heutigen individualisierten Gesellschaften jedoch lassen sich emanzipierte Bürger nicht so einfach eintrichtern, wer sie sind - oder wer sie zu sein haben. Eine Kultur, die tatsächlich Gesellschaften durchdringt, entsteht notwendigerweise von unten: im Alltag, wo immer sich die Bürger gegenseitig erleben und sich selbst wahrnehmen. Und da sind wir längst weiter.

Der weitgehend problem- und geräuschlose Zuzug von Millionen Bürgern aus anderen europäischen Ländern nach Deutschland in den vergangenen Jahren belegt eindrucksvoll, wie ähnlich sich die Europäer inzwischen sind: wie sehr sich unsere Lebens- und Arbeitsweisen, Umgangsformen und Werte angenähert haben - wieviel gemeinsame Kultur, gerade auch Alltags- und Popkultur, wir teilen.

Es gibt längt eine europäische Leitkultur. Aber sie bleibt unerkannt, weil nationale Debatten sich vor allem darauf konzentrieren, Unterschiede (gefühlte oder tatsächliche) herauszuarbeiten.

Was uns als Europäer verbindet, bleibt unterbelichtet.

Medien sind national, regional, lokal, selten europäisch. In ihren Geschichten spiegeln sie der jeweiligen Gesellschaft wider, wer sie ist, in welchem Zustand sie sich befindet, welche Probleme sie plagen, was politisch Priorität haben sollte. Inzwischen beschäftigen uns zwar auch intensiver mit unseren Nachbarländern, aber wir tun dies durch unsere jeweilige nationale Optik. Entsprechend schwierig ist es, den Weg der europäischen Integration fortzusetzen.

Ohne unabhängige grenzüberschreitende Medien wird das Bewusstsein für das Verbindende bruchstückhaft bleiben. Demokratische Willensbildung auf europäischer Ebene kann es unter diesen Bedingungen kaum geben.

Ohne europäische "Tagesschau", ohne europäische "Anne Will", ohne grenzüberschreitend genutzte Massenblätter wie "Bild" und Nachrichtenportale wie "Spiegel Online" oder "manager-magazin.de" - dargereicht in den wichtigsten europäischen Sprachen - fehlt Europa der diskursive Unterbau.

Ohne Demokratisierung der europäischen Politik aber wird ein Ausbau der Eurozone zu einer echten Währungsunion (inklusive vollständiger Bankenunion und sozialer Basissicherung) genauso wenig funktionieren wie der Aufbau einer EU-Verteidigungsunion. Derart vitale Bereiche des Staates an technokratische supranationale Institutionen zu delegieren, wäre vermutlich sogar verfassungswidrig, weil damit das Demokratieprinzip ausgehebelt würde.

Über nationale Leitkulturen und Eigenarten zu streiten, hilft deshalb überhaupt nicht weiter. Was wir brauchen, ist ein Bewusstsein für eine europäische Leitkultur, die längst in Umrissen erkennbar ist. Wer Deutschland und Europa voranbringen will, sollte sich Gedanken machen, wie sich mentale Grenzen zwischen den Nationen abbauen lassen - und keine neuen Grenzen ziehen.

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