Samstag, 3. Dezember 2016

IWF fordert Schuldenschnitt für Griechenland Memo an Merkel - Vergessen Sie Ihr Geld

Zeit für einen Haircut: IWF-Chefin Christine Lagarde blickt der Wahrheit ins Auge

Wer eine "Schuldentragfähigkeitsanalyse" über Griechenland schreiben soll, könnte es sich einfach machen: Die Schulden sind nicht tragfähig. Wer wüsste das besser als der Internationale Währungsfonds, gegenüber dem das Land seit Dienstag mit gut 1,5 Milliarden Euro im Zahlungsverzug steht? Doch wer beim IWF arbeitet, muss schon auf 24 Seiten um den heißen Brei herumreden, bevor er doch zu dem unausweichlichen Schluss kommt, der für die europäischen Partner bisher tabu war: Griechenland braucht einen Schuldenschnitt.

Das Dokument namens "vorläufiger Entwurf einer Schuldentragfähigkeitsanalyse" (PDF), vom Fonds am Donnerstag veröffentlicht, trägt das Datum 26. Juni. Eigentlich ist es damit ein Relikt der alten Welt vor dem 1. Juli, als der IWF noch als Geldgeber für Griechenland infrage kam und sich deshalb Gedanken über die Zukunft der Finanzbeziehung machen konnte. Aus zwei Gründen spielt es aber auch künftig noch eine Rolle:

Erstens stimmen die Griechen am Sonntag neben dem von ihrer Regierung abgelehnten Sparplan der Gläubiger auch über die damit verbundene "Schuldentragfähigkeitsanalyse" ab - ja, genau über dieses Dokument. Das ist etwas kurios, denn Premier Alexis Tsipras und Finanzminister Giannis Varoufakis begründen ihr Nein auch mit dem Verweis, die Gläubiger hätten doch längst bekannt, dass ein weiterer Schuldenschnitt nötig sei, handelten nur nicht danach. Dieses Dokument liefert ihnen den Beweis dafür.

IWF liefert Grundlage für drittes Rettungspaket - Hellas braucht 52 Milliarden

Zweitens verschwinden weder Griechenland noch die griechischen Schulden nach dem Referendum einfach von der Landkarte. Irgendwie werden Gläubiger und Schuldner miteinander umgehen müssen, deshalb ist jetzt schon die Rede von weiteren Verhandlungen und einem dritten "Rettungspaket". Dafür liefert die IWF-Analyse eine Grundlage - der Fonds geht von einem Finanzbedarf von 51,9 Milliarden Euro für die kommenden drei Jahre aus.

Derartige IWF-Analysen hatten allerdings auch die Grundlage für die grandios gescheiterte Politik der vergangenen fünf Jahre geliefert. Die darin enthaltenen Prognosen, wie neue Kredite zusammen mit Sparauflagen funktionieren sollten, lagen so weit daneben wie sonst wohl keine Schätzung in der Geschichte der Wirtschaftswissenschaft.

Mit dem ersten "Rettungspaket" ging die Krise erst richtig los. Innerhalb von 18 Monaten mussten die Fondsökonomen ihre Annahme für die Leistung der griechischen Wirtschaft um 22 Prozent senken, sie haben also etwas wiedergutzumachen.

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