Dienstag, 23. Oktober 2018

Wirtschaftsausblick IWF nennt Brexit-Verhandlungen "größtes Wirtschaftsrisiko"

Boris Johnson: Der Abstieg der Briten hat begonnen

Die Verhandlung über den Austritt aus der Europäischen Union sind nach Einschätzung des Internationalen Währungsfonds (IWF) das größte Risiko für die Wirtschaft Großbritanniens. Falls es schneller als erwartet zu Fortschritten bei den Verhandlungen komme, könne dies das Vertrauen stärken, schreibt der IWF in seinem am Mittwoch veröffentlichten Länderbericht zu Großbritannien.

Ein Scheitern der Gespräche hingegen könnte zu einem ungeordneten Austritt aus der EU und zu einem starken Einbruch an den Finanzmärkten führen.

Das Wirtschaftswachstum habe sich bereits im laufenden Jahr trotz eines günstigen weltwirtschaftlichem Umfeldes abgeschwächt, schreibt der Währungsfonds. Das Brexit-Votum habe zu einer Belastung des privaten Konsums geführt. Im Jahr 2018 dürfte das Wirtschaftswachstum wie im laufenden Jahr bei rund eineinhalb Prozent liegen. Einerseits sollte die robuste Weltwirtschaft die Exporte stützen. Andererseits dürften Unternehmen Investitionen aufschieben, bis es mehr Klarheit über das künftige Handelsverhältnis mit der EU gebe. Die Projektionen gehen davon aus, dass es zu weiteren Fortschritten bei den Brexit-Verhandlungen kommt.

Hohe Inflation dürfte zurückgehen

Die zuletzt hohe Inflation werde schrittweise etwas zurückgehen, aber weiter deutlich über dem Zielwert der britischen Notenbank von zwei Prozent bleiben, erwartet der IWF. Der Druck auf die Reallöhne und den privaten Konsum sollte also anhalten. Im November hatte die Inflationsrate bei 3,1 Prozent gelegen. Das seit der Brexit-Entscheidung vom 23. Juni 2016 deutlich schwächere britische Pfund hat über steigende Einfuhrpreise zu einer höheren Inflation geführt.

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IWF-Chefin Christine Lagarde verteidigte in London die Warnungen des Währungsfonds aus dem Jahr 2016 vor den Folgen des Brexits.

Die Abschwächung der britischen Wirtschaft im vergangenen Jahr habe dem IWF recht gegeben. Es sei wie prognostiziert zu einer Abwertung des Pfund, einem Anstieg der Inflation, fallenden Reallöhnen und einer Abschwächung des Wachstums gekommen. Der IWF war vor dem Brexit von Austrittsbefürwortern für seine skeptischen Prognosen kritisiert worden.

EU bietet Briten Übergangsfrist bis Ende 2020

Die Europäische Union bietet Großbritannien unterdessen nach dem Brexit eine Übergangsfrist bis zum 31. Dezember 2020 an. In diesem Zeitraum müsse das Vereinigte Königreich aber alle Regeln des EU-Binnenmarkts und der Zollunion einhalten, teilte EU-Unterhändler Michel Barnier am Mittwoch mit.

Großbritannien will die Staatengemeinschaft am 29. März 2019 verlassen. Unterdessen konnte die britische Premierministerin Theresa May eine drohende Brexit-Schlappe im Parlament durch eine Kompromisslösung abwenden.

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Barnier bekräftigte, dass die EU die künftigen Beziehungen mit einem Freihandelsabkommen ähnlich wie mit Kanada, Südkorea oder Japan regeln und bis Oktober 2018 dafür Eckpunkte vereinbaren wolle. Bisher erlaube kein solches Handelsabkommen einen privilegierten Zugang für Finanzdienstleistungen zum EU-Binnenmarkt. Damit stellte der Franzose eine wichtige Forderung der britischen Finanzbranche in Frage.

Neben dem Handelsabkommen will die EU nach Barniers Worten drei weitere Regelungen mit Großbritannien für die Zeit nach dem Austritt aus der EU treffen: zur Luftfahrt, zur Zusammenarbeit der Justiz und zu den Feldern Sicherheit, Außenpolitik und Verteidigung. Auch die Eckpunkte dafür sollten bis Oktober 2018 in einer "präzisen" politischen Erklärung vereinbart werden, sagte Barnier.

la/dpa

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