Samstag, 22. September 2018

Smartphones tausendfach angezapft Erdogan spionierte Gegner wohl mit deutscher Technik aus

"Marsch der Gerechtigkeit": Im Juni marschierten tausende Demonstranten von Ankara nach Istanbul, um gegen die Verhaftung eines oppositionellen Politikers zu demonstrieren. Was sie nicht wussten: Staatspräsident Erdogan spähte viele Demonstranten und die CHP aus - ganz offensichtlich mit deutscher Software

Ein deutsches Softwarehaus könnte die Spionagesoftware geliefert haben, die die türkische Regierung im vergangenen Jahr offenbar nutze, um Regierungsgegner und Opposition auszuspionieren. Laut Berichten von NDR, WDR und "Süddeutscher Zeitung" hätten IT-Sicherheitsforscher von Acess Now, einer Organisation für digitale Bildrechte, ein Programm analysieren können, das auf Handys Oppositioneller aufgespielt war und mit dem offenbar auch Politiker der Republikanischen Volkspartei CHP ausspioniert wurden.

Thorsten Holz, Professor für IT-Sicherheit an der Ruhr-Universität Bochum erklärte den Berichte zufolge: "Der Trojaner ist in der Lage, eine komplette Kontrolle über das Handy zu haben." Der Code sei "relativ ähnlich" zu vorherigen Versionen von Finfisher: "Es scheint sich um eine neue Version zu handeln." Auch IT-Sicherheitsexperten der Firma Cure53 gingen davon aus, dass es sich "sehr, sehr wahrscheinlich" um Finspy handelt, heißt es in der "SZ".

Das Programm wird zum einen von dem Münchener Unternehmen Finfisher vertrieben, zum anderen aber auch von dem britischen Firmengeflecht Gamma Group, zu dessen Verbund Finfisher gehört. Sowohl Finfisher als auch das britische Unternehmen hätten sich zu den Nachfragen nicht geäußert, heißt es in den Berichten.

Besonders die Anhänger des Protestmarschs "Marsch der Gerechtigkeit" im Jahr 2017 sollen im Visier der Spionagesoftware gewesen sein

Der Trojaner sei verbreitet worden, als die türkische Opposition zum Protest "Marsch der Gerechtigkeit" gegen die Politik Recep Tayyip Erdogans aufgerufen hatte. Über eine scheinbare Unterstützer-Website sollten sich Demonstranten über den aktuellen Stand der Bewegung informieren, ausgelöst wurde dabei jedoch der Download der Spionagesoftware.

Wie viele Personen das Programm heruntergeladen haben, ist bislang nicht bekannt. Unbekannt ist auch, wie die Türkei an das Softwareprogramm gelangen konnte - laut Bundeswirtschaftsministerium sei in den vergangenen Jahren keine Exportlizenzen für Software erteilt worden seien.

Allerdings weist Access Now darauf hin, dass man die Software aus dem Ausland nutzen und die türkische Opposition von einem fremden Land aus ausspionieren könne.

Finfisher bietet unter dem Namen Finspy Spionagesoftware für PCs und Smartphones an. Die Software wurde bereits 2013 auch vom Bundeskriminalamt eingekauft - bekannt unter dem Stichwort Bundes- oder Staatstrojaner. Da das Programm allerdings mehr kann, als gesetzlich erlaubt ist, unterlag es lange Zeit der Prüfung. Laut Medien darf das BKA erst seit Anfang Februar dieses Jahres Finspy einsetzen. Daneben nutzt das Amt auch eine eigene Entwicklung.

Die Gamma Group und damit Finfisher standen in der Vergangenheit immer wieder in der Kritik, so erhielt der Unternehmensverbund nicht nur den Big Brother Award 2012 wegen des Exports der Software nach Ägypten, die Organisationen Privacy International, Reporter ohne Grenzen, das Europäische Zentrum für Verfassungs- und Menschenrechte sowie das Bahrain Centre for Human Rights und Bahrain Watch legten 2013 bei der OECD Beschwerde ein, wegen des Exports der Software nach Baharin.

akn

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