Donnerstag, 21. März 2019

Spieltheorie Wie die irre Strategie von Varoufakis aufgehen könnte

Souveränes Verhandeln ist, wenn man trotzdem lacht: Griechenlands Finanzminister Varoufakis (r.) mit IWF-Chefin Christine Lagarde und Euro-Gruppen-Chef Jeroen Dijsselbloem auf der Finanzministersitzung am Mittwoch

Sie sind in einer aussichtslosen Verhandlungsposition? Ihre Existenz steht auf dem Spiel? Spieltheorie-Experte Giannis Varoufakis zeigt als griechischer Finanzminister, wie Sie mit leeren Händen trotzdem locker auftreten können. Was steht hinter der bizarren Strategie?

Hamburg - Ein Spiel ist das nicht. Ziemlich ernst ist die Verantwortung des neuen griechischen Finanzministers Giannis Varoufakis, der mit einer Schuldenlast von mehr als 300 Milliarden Euro, einer am Boden zerstörten Volkswirtschaft, einer nur noch für Wochen reichenden Liquidität und dem akuten Risiko des Abschieds aus dem Euro umgehen muss. Zu einem guten Teil von seinem Handeln hängt "die größte Gefahr für die Weltwirtschaft" ab, wie sein britischer Kollege George Osborne nur leicht übertreibt.

Und doch scheint Varoufakis einen großen Auftritt nach dem anderen zu genießen, lacht, lässt seine "Partner" wie Euro-Gruppen-Chef Jeroen Dijsselbloem wie Tölpel stehen, reist anscheinend ohne das vorher groß angekündigte Konzept zum entscheidenden Finanzministertreffen, verlässt es ohne Einigung über das weitere Vorgehen, geschweige denn einen dringend benötigten Deal, und gibt sich immer noch locker. Das irritiert nicht nur die Verhandlungsgegner, auf deren Entgegenkommen Varoufakis angewiesen ist.

Den Schlüssel zu diesem Auftreten könnte die Spieltheorie liefern, die durchaus auch für ernste Situationen gedacht ist. Darauf ist der Starökonom spezialisiert, er hat Lehrbücher über das Thema geschrieben und in den vergangenen Jahren im Auftrag des Videospielherstellers Valve Software dessen digitale Wirtschaft erforscht.

Nahe liegt das spieltheoretische Modell vom "Feiglingsspiel", in dem verliert, wer zuerst einknickt, auch wenn ein Weiterspielen für beide Gegner tödlich wäre. In einem Interview mit der BBC erklärte Varoufakis jedoch, er sehe die Situation nicht so: "Dies ist keine Frage von Nimm oder stirb, von Ultimaten, es ist keine Frage, wer zuerst abbiegt."

Zu einem anderen klassischen spieltheoretischen Modell hingegen, dem Gefangenendilemma, erklärte er ausdrücklich auf Twitter: "Wir sind schon darin." Das Modell besagt, dass zwei Häftlinge vor der Wahl stehen, den anderen zu verpfeifen oder mit längerer Haft für das eigene Schweigen zu bezahlen. Nach gängiger Auffassung führt das Unwissen über das Handeln des anderen dazu, dass beide aussagen, obwohl das beste für sie wäre, wenn beide schwiegen.

Experimentelle Forschung hat jedoch gezeigt, dass Menschen entgegen dieser Annahme eher zur kooperativen Lösung neigen, statt nur auf den persönlichen kurzfristigen Vorteil zu achten. Diese Erkenntnis will Varoufakis auch aus der Videospiel-Ökonomie von Valve gezogen haben, wie er dort bloggte. Und das ist auch seine Hoffnung für die aktuelle Lage: "Die Aufgabe heißt, mit kooperativen Gedanken aus dem Gefangenendilemma zu entkommen, im Sinne des gemeinsamen europäischen Interesses."

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