Montag, 27. Juni 2016

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Terrorwarnung in Brüssel Eine Stadt macht dicht

Terrorwarnung in Brüssel: Eine Stadt in Alarmbereitschaft
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DPA

Brüssel fürchtet Anschläge wie in Paris - und hat die höchste Terrorwarnstufe ausgerufen. U-Bahnen fahren nicht, Einkaufszentren bleiben geschlossen. Der Überblick.

So kennt man Brüssel nicht. Auf dem historischen Marktplatz Grand Place, wo sonst Touristen Fotos knipsen, fahren gepanzerte Militärfahrzeuge. In der Rue Neuve, der beliebten Einkaufsstraße, patrouillieren Soldaten mit Maschinenpistolen, nur wenige Passanten huschen im kalten Regen vorbei. In vielen Boutiquen und Geschäfte hängen hastig von Hand geschriebene Zettel: "Geschlossen."

Was ist da los?

Im Großraum Brüssel und in der Stadt Vilvoorde in Flandern gilt seit Samstagmorgen die höchste Terrorwarnstufe. Alle U-Bahnen in Brüssel wurden gestoppt, Kaufhäuser, Museen, Kinos und das Wahrzeichen der Stadt, das Atomium, blieben geschlossen. Zahlreiche Großveranstaltungen in der Region wurden abgesagt, darunter das Musikfestival "Sound/Check" und das Erstliga-Fußballspiel Lokeren-Anderlecht. Die Menschen wurden aufgefordert, "Konzerte, Großveranstaltungen, Bahnhöfe und Flughäfen, Nahverkehr" und viel besuchte Geschäfte zu meiden.

Wie konkret ist die Bedrohung?

Belgiens Regierungschef Charles Michel sprach von "vergleichsweise präzisen Informationen" über mögliche Anschläge, wie sie in Paris verübt worden seien. Mögliche Ziele seien "Einkaufsstraßen, Demonstrationen, belebte Orte und Verkehrsmittel". Belgiens Außenminister Didier Reynders sprach von einer "präzisen und unmittelbaren Bedrohung". Berichte, Fahnder hätten bei Hausdurchsuchungen am Freitagabend neben Waffen auch Metro-Pläne der Stadt gefunden, kommentierte die Staatsanwaltschaft nicht.

Wie lange gilt die Terrorwarnstufe?

Vorerst bis Sonntagnachmittag, dann will die Regierung die Maßnahmen überprüfen. Die U-Bahnen sollen mindestens bis Sonntag, 15 Uhr, nicht fahren.

Warum ausgerechnet Brüssel?

Es gibt enge Verbindungen der Pariser Attentäter nach Brüssel. Der mutmaßliche Organisator der Anschläge in Paris, Abdelhamid Abaaoud, war Belgier mit marokkanischen Wurzeln und lebte früher im Brüsseler Stadtteil Molenbeek. Auch Salah Abdeslam, der Bruder eines Selbstmordattentäters, hat in Brüssel gewohnt - und wird immer noch gesucht. Zudem sollen Verwandte von Abaaoud in Belgien leben. "Es kann eine oder mehrere Terrorzellen geben, die immer noch eine Gefahr darstellen", sagte der Terrorexperte André Jacob im belgischen Radio RTBF. "Das sind Belgier, die sich vor Ort sehr gut auskennen."

Was macht Belgien für Radikale so attraktiv?

Das Land ist zerrissen im Streit zwischen Flamen und Wallonen, es herrscht ein Wirrwarr von Zuständigkeiten. In der 1,2-Millionen-Stadt Brüssel gibt es zum Beispiel nicht eine, sondern sechs Polizeibehörden, die nicht weniger als 19 Bürgermeistern unterstehen. Und in Problembezirken wie Molenbeek und Anderlecht gibt es abgeschottete Gemeinschaften von Einwanderern, in denen Radikale leicht untertauchen können.

Wie reagieren die Brüsseler?

Die meisten Menschen blieben trotz der Militärpräsenz in den Straßen gelassen. "Das Leben geht weiter", sagt etwa der Besitzer eines Zeitungskiosks. Er halte die Maßnahmen für überzogen: "Das ist doch alles nur Psychose." Auch Alain Berlinblau von der Vereinigung der Brüsseler Einzelhändler sieht die Geschäftsschließungen kritisch: "Wir wollten niemals dem Druck der Angst nachgeben, das wäre ja ein Sieg für die, die uns schaden wollen."

Wie ist der Stand der Ermittler?

Am Samstagnachmittag hat die belgische Polizei in der Brüsseler Innenstadt vier Personen festgenommen. Schon am Donnerstag waren bei Razzien in der Stadt insgesamt neun Verdächtige im Zusammenhang mit den Terrorattacken in Paris festgenommen worden. Sieben von ihnen wurden inzwischen wieder freigelassen, gegen einen Verdächtigen leitete die belgische Justiz am Freitag ein Strafverfahren ein. In seiner Wohnung waren Waffen gefunden worden.

Was bedeutet das für Deutschland?

"Erkenntnisse, die eine Neubewertung der Lage oder zusätzliche Maßnahmen erfordern würden, die haben wir nicht", sagte Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU). Die Lage sei nach wie vor ernst, aber die Brüsseler Terrorwarnung habe keine Auswirkungen für die Bedrohungslage in Deutschland.


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vet/dpa/AP

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