Sonntag, 29. Mai 2016

Alle Artikel und Hintergründe

Griechenland ist pleite - IWF fordert Schuldenerlass Ohne Schuldenschnitt droht Transferunion in ihrer schlimmsten Form

IWF-Chefin Christine Lagarde

Unser Autor Daniel Stelter ist Gründer des auf Strategie und Makroökonomie spezialisierten Diskussionsforums "Beyond the Obvious" und Unternehmensberater.

Nur Politiker glauben, sie könnten sich über die Grundgesetzte von Mathematik und Ökonomie hinwegsetzten. Zeitweise gelingt es ihnen sogar, wobei nur oberflächlich. In Wirklichkeit basieren alle Strategien der Verdrängung der Realität auf demselben Grundprinzip: mehr Geld auszugeben, als man einnimmt und vor allem Dritte ungefragt in die Pflicht zu nehmen. Die Steuerzahler und - wo es geht - am besten die Steuerzahler anderer Staaten.

Heute nun schlägt die Mathematik und ihre Vertreter gnadenlos zurück. Der IWF-Chefin Lagarde gelingt es nicht mehr, die rationalen Rechner in ihrer Institution zum Schweigen zu bringen. Nur so kann man sich erklären, dass der IWF rechtzeitig vor dem Referendum in Griechenland offiziell das vorrechnete, was alle wussten: dass Griechenland pleite ist.

Daniel Stelter
Und nur so lässt sich das Nachlegen von gestern erklären. Griechenland ist noch mehr pleite als pleite und ohne einen Schuldenschnitt geht es nicht. Wundert niemanden. Das einzige was die Politiker wundern dürfte ist, dass die politischen Waffen stumpf werden und die Munition ausgeht, sich der simplen aber gnadenlosen Mathematik zu widersetzen.

Schon 2010 hätte der IWF nicht helfen dürfen

Als Griechenland und der Euro zum ersten Mal gerettet wurde, hat der IWF auf ausdrücklichen Wunsch der Europäer, vor allem Deutschlands, daran teilgenommen. Es war die größte Rettungsaktion für ein entwickeltes Land seit der Gründung des IWF mit einem Umfang von bis jetzt 35,5 Milliarden Dollar, immerhin 3227 Dollar pro Kopf der griechischen Bevölkerung.

Alle Beteiligten wussten damals, dass der IWF eigentlich nicht mitmachen durfte. Nur wenn die Schuldentragfähigkeit wieder hergestellt wird im Rahmen eines Programmes, darf der IWF dieses unterstützen.

Der Bundesregierung war klar, dass dies nicht zutrifft, den Experten des IWF war es klar, den Griechen war es klar, allen anderen Beobachtern die den Grundrechenarten fähig sind, war es ebenfalls klar. Es durfte aber nicht sein. Deshalb wurden die Annahmen bezüglich des griechischen Wirtschaftswachstums solange "optimiert" - vermutlich mit der "goal seek"-Funktion von Excel - bis es gepasst hat.

Im Vorstand des IWF gab es damals eine ernsthafte Debatte. Vertreter der Schwellenländer gaben erhebliche Zweifel zu Protokoll und der Vertreter der Schweiz rechnete vor, dass bereits bei kleinsten Abweichungen von den (überoptimistischen) Annahmen die Schuldentragfähigkeit nicht mehr gegeben ist.

Dennoch kam es zu einem Programm, wo Länder wie Afghanistan (mit 31 Millionen) und Simbabwe (mit rund 60 Millionen) über die Teilnahme am IWF für dessen Kredite an Griechenland mithaften. Für Kredite an eine der reichsten Regionen der Welt, die offensichtlich nicht selber in der Lage ist, mit einem internen Problem umzugehen.

Mehr manager magazin
Zur Startseite

© manager magazin 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH