Sonntag, 20. August 2017

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Run auf Privatschulen "Wer einfach mal abhängt, macht sich verdächtig"

Paula-Irene Villa: "Immer ist etwas an uns "zu": zu dick, zu faul, zu ungesund, zu nachlässig, zu wenig kreativ: zu verbessern."

Warum schicken immer mehr gutbürgerliche Familien Ihren Nachwuchs auf Privatschulen - steckt mehr dahinter als der böse Wolf Globalisierungsangst? Die Soziologie-Professorin Paula-Irene Villa über irrationale Zwänge ehrgeiziger Eltern - und warum die Angst vor dem Mittelmaß unmenschlich ist.

mm: Sie sind eine mächtige Stimme der Soziologenbranche, mit Georg Vobruba haben Sie das Ende des Mittelmaßes ausgerufen. Wie kommen Sie darauf?

Villa: In der Soziologie ist seit einigen Jahren, konzeptuell vom Kollegen Ulrich Bröckling entwickelt, viel die Rede vom sogenannten unternehmerischen Selbst. Wir leben in einer Zeit, in der die Einzelnen angehalten sind, sich permanent selbst zu optimieren, an sich zu arbeiten und sich zu managen - ganz wie ein Unternehmen. Dies gilt nicht nur hinsichtlich der Erwerbsarbeit, das unternehmerische Selbst durchdringt vielmehr den ganzen Mensch, schließt auch die Freizeit und derzeit vor allem den eigenen Körper mit ein. Alles wird als Ressource betrachtet, und die müssen ganz ökonomistisch mobilisiert werden. Da wird das Mittelmaß zum Defizitzustand. Konsequent formuliert: immer ist etwas an uns "zu": zu dick, zu faul, zu ungesund, zu nachlässig, zu wenig kreativ: zu verbessern.

mm: Die Durchdringung des Ökonomischen in sämtliche Lebensbereiche entfremdet uns also der Mitte, der eigenen wie der gesellschaftlichen?

Villa: Logiken wie Effizienz, Markt, Output, Ressourcen, sind Kategorien, die wir inzwischen für alles und jeden anwenden. Es erscheint uns nicht mehr völlig abstrus zu sagen, dass wir unsere Beziehung managen oder die Erziehung der Kinder optimieren.

mm: Könnte man das nicht als Neudeutsch abtun?

Villa: Neudeutsch ist das sicherlich, das macht es aber nicht weniger real oder wichtig. Ob die Ökonomisierung in der Praxis immer so durchschlagend ist wie wir in der Soziologie meinen, ist eine empirische Frage, die derzeit untersucht wird. Klar ist: Wir sind ja nicht wie kleine Roboter, die blind alles nachmachen, was als richtig oder gut gilt. Aber der Diskurs und die Normen sind extrem am Ökonomischen ausgerichtet. Es war in Westdeutschland lange ziemlich normal zu sagen, 'ich hab'e genug geschafft, jetzt gehe ich nach Hause, leg die Beine hoch und trinke ein Feierabendbier'; damit ist es vorbei.

mm: Mit dem Ende des Mittelmaßes ist gleichsam der Tod der Muße zu beklagen?

Villa: Ja. Wer einfach mal abhängt, macht sich verdächtig. Wir müssen immer alles in der Hand haben, gestalten, optimieren, kontrollieren; alles ist an einem möglichst effizienten Output ausgerichtet. Wir sind unentspannt. Selbst die Zeit mit unseren Kindern muss Quality Time sein. Immer mehr gilt als therapiebar, Kleinkinder in die Sprachförderung, in Kitas wird Early Mandarin angeboten, in den Schulferien noch extra Kompetenzen im Bildungscamp mitnehmen, im Wellnessurlaub maximal fit for job werden, im Sport challenges meistern und die Faulheit 'besiegen', statt auf den Bus warten Gehirnjogging mit der App.

mm: Dann sind wir in der Rolle der Selbstoptimierer obendrein zu schlimmen Kontrollfreaks geworden?

Villa: Das ist keine psychologische Individualproblematik. Wir werden doch nach diesen Kriterien bewertet, rein körperlich schon. Wer zum Beispiel "zu dick" ist, genügt den Anforderungen nicht, das ist die Unterstellung.

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