Mittwoch, 19. Dezember 2018

Debatte um soziale Gerechtigkeit schädlich Ungleichheit ist keine Frage der Moral

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Irina Kummert
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    Irina Kummert ist Präsidentin des Ethikverbands der Deutschen Wirtschaft, Mitglied des DVFA Ethik Panels unter Leitung von Julian Nida-Rümelin sowie Mitglied des Arbeitskreises Wirtschaft & Soziales beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken. Seit 2003 ist sie Geschäftsführende Gesellschafterin der Personalberatung IKP Executive Search in Berlin.

Das Thema Soziale Gerechtigkeit hat Konjunktur im politischen Deutschland. SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz hat es ganz oben auf die Agenda im Bundestagswahlkampf gesetzt. Institutionen wie Oxfam, der Paritätische Wohlfahrtsverband, das DIW und auch die Bundesregierung haben die ökonomische Ungleichheit aus unterschiedlichen Perspektiven und mit unterschiedlichen, zum Teil gegensätzlichen Ergebnissen thematisiert. In einem Punkt aber scheinen sich alle einig zu sein: Ökonomische Ungleichheit bedroht die Stabilität unserer Gesellschaft, ist deshalb aus moralischer Sicht nicht akzeptabel und muss irgendwie beseitigt werden.

Bislang hat Schulz aus seinem vagen "Irgendwie" noch kein konkretes "Wie" gemacht. Aber dass sie unbedingt weg muss, die ökonomische Ungleichheit, und durch mehr soziale Gerechtigkeit ersetzt werden sollte, steht nicht nur für den SPD-Vorsitzenden außer Frage.

Tatsächlich treibt die Forderung nach mehr sozialer Gerechtigkeit einen emotionalen Keil tief in unsere Gemeinschaft, der uns mehr schaden als nützen dürfte. So falsch es ist, ökonomische Ungleichheit zu einer Frage der Moral zu machen, so richtig ist es, dass gerade die Debatte um mehr soziale Gerechtigkeit das Klima in unserer Gesellschaft zunehmend vergiftet und uns den Blick für Wichtigeres verstellt.

Unmoralisch ist die Debatte, nicht die Ungleichheit

Nicht nur die jüngst unter anderem von US-Präsident Donald Trump gegeißelten deutschen Exportüberschüsse machen deutlich, dass die Leistungsfähigkeit unserer Wirtschaft hoch ist. Auch die Zahlen der aktuellen DIW-Frühjahrsdiagnose belegen, dass wir uns bereits im fünften Jahr in Folge über einen moderaten Aufschwung der deutschen Wirtschaft freuen könnten. Tun wir aber nicht. Stattdessen suchen wir nach einem Haar in unserer Wohlstandssuppe.

Im Ergebnis sind inzwischen selbst gut situierte Mittelstandsbürgerinnen und -bürger, die ein Einfamilienhaus bewohnen, einen guten Job und zwei Autos in der Garage haben, der Auffassung, Deutschland gehe "den Bach runter und die Regierung unternimmt nichts". Wer versucht, mit Fakten die Dinge gerade zu rücken, sieht sich mit Aussagen wie "Ich weiß nicht, ob ich da mitgehe" konfrontiert - eine typische Antwort von jemandem, der zwar spürt, dass er keine guten Argumente hat, dies aber nicht zugeben möchte.

Sich benachteiligt zu fühlen, ist zu einer Frage des individuellen Dafürhaltens geworden. Nach der Politik als der Institution zu rufen, die es richten soll, ist einfach. Aber nicht zwingend wirkungsvoll - wie der derzeit noch hilflos wirkende Versuch der SPD, einen zutiefst subjektiven Begriff wie "soziale Gerechtigkeit" mit konkreten Aussagen zu hinterlegen, zeigt. Vielmehr sollten wir uns daran erinnern, dass mehr politisch verordnete Regeln uns nicht immer Vorteile beschert haben, und uns darauf besinnen, dass es uns insbesondere ökonomisch ziemlich gut geht.

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