Samstag, 15. Dezember 2018

Die Abwanderung in die Städte schadet der Demokratie Warum Landluft unfrei macht

Dorfleben: Altkünkendorf in Brandenburg

Die zunehmenden Gegensätze zwischen Metropolen und Peripherie bringen enorme Spannungen mit sich. Sie haben das Potenzial, die Demokratie zu unterminieren.

Geht doch nach drüben! Es war ein gemeiner Spruch. Echt Achtzigerjahre, echt alte Bundesrepublik. Wenn es euch linken, aufsässigen jungen Leuten hier im Westen nicht passt, dann geht doch gefälligst in die DDR - da werdet ihr schon sehen.

Glücklicherweise blieben die allermeisten. Sie mischten sich ein, sie waren unbequem und leisteten gerade deshalb einen wertvollen Beitrag. Sie erzeugten jene Reibung, die nötig ist, um Gesellschaften vor dem Stillstand zu bewahren. Die 68er und ihre Nachfolger halfen, die Bundesrepublik zu verändern.

So war es in vielen Nationen. Kopfstarke junge Generationen drängten nach, forderten die Älteren heraus und stießen jede Menge Wandel an. Sie sorgten dafür, dass sich Demokratie, Kultur und Wirtschaft fortentwickelten. Weil sie blieben und ihre Stimmen erhoben.

Ganz anders heute: Die jüngeren Generationen sind mobil. Wem die Situation in seiner Heimat nicht passt, der kann woanders hingehen - in eine andere Region seines eigenen Landes oder in einen anderen Staat.

Geht doch nach drüben?

Prinzipiell haben Bürger zwei Möglichkeiten, ihrem Unmut über die herrschenden Verhältnisse Ausdruck zu verleihen: sich einmischen und versuchen, etwas zu verändern, oder gehen und anderswo ihr Glück suchen. "Exit" oder "Voice", wie der Soziologe Albert Hirschman die beiden Optionen genannt hat.

Beides ist völlig legitim. Niemand ist gezwungen, sich einzumischen. Und natürlich sollte jeder die Freiheit haben hinzugehen, wohin er will. Doch wenn viele die Exit-Option wählen, dann kann das durchaus zum Problem werden.

Wenn gerade die jüngeren Gutausgebildeten gehen, statt sich zu engagieren, verschärft sich die politische und ökonomische Polarisierung. Während die ökonomischen Zentren vom Zuzug profitieren, multikultureller und politisch liberaler werden, läuft in der Peripherie der entgegengesetzte Prozess ab: Ganze Regionen und Länder bleiben mit schrumpfender Bevölkerung zurück, von Pessimismus geplagt, getrieben von einem Gefühl der Bedrohung.

Es ist eine Dynamik, die enorme Spannungen mit sich bringt - und die das Potenzial hat, die Demokratie zu unterminieren.

Osteuropas demografische Implosion

Am weitesten fortgeschritten ist diese Entwicklung in Osteuropa. Die Kombination aus Abwanderung und niedrigen Geburtenzahlen sorgt dafür, dass dort die Bevölkerung rasch schrumpft. Die zehn Länder mit den am schnellsten schrumpfenden Einwohnerzahlen liegen allesamt in Osteuropa: Bulgarien, Lettland, Moldau, die Ukraine, Kroatien, Litauen, Rumänien, Serbien, Polen, Ungarn - in all diesen Ländern wird die Bevölkerung bis 2050 um 15 Prozent und mehr zurückgehen, wie Berechnungen der Vereinten Nationen zeigen.

Auch innerhalb der Länder nehmen die Unterschiede zu. Während die Ballungszentren nach wie vor Leute anziehen, fallen ländliche Regionen immer weiter zurück. Gerade dort finden rechtsnationale Regierungsparteien wie PiS in Polen oder Fidesz in Ungarn ihre Wähler. Die Regenten in Budapest und Warschau schwächen die Institutionen des Rechtsstaats und die freie Presse, beschwören die Stärke der Nation. Die liberale Stadtbevölkerung schaut fassungslos zu. Wer für sich keine Perspektive sieht, verlässt das Land - was die politischen Kräfte, die auf Abschottung setzen, weiter stärkt.

Dennoch möchte man am liebsten unter sich bleiben und auch keine Flüchtlinge im Rahmen der EU-Quotenregelung aufnehmen.

Irreale Versprechen

Auch in Italien wirkt die Polarisierung. Dass in Rom nun eine Koalition aus Links- und Rechtspopulisten regiert, ist nicht nur eine Folge der langen wirtschaftlichen Stagnation. Auch die Demografie spielt eine Rolle. Seit 2010 hat sich die Zahl der Auswanderer verdoppelt; immer mehr Akademiker verlassen das Land, so der Internationale Währungsfonds (IWF), nicht nur aus dem abgehängten Süden.

Wer geht, mischt sich nicht mehr ein. Wer bleibt, hat häufig die Hoffnung verloren, dass sich irgendetwas substanziell zum Besseren wenden könnte, und wählt entsprechend die Parteien, die die größten Versprechen machen, so irreal sie sein mögen.

In den USA hat die Spaltung zwischen dem in sich gekehrten "Heartland" und den dichtbesiedelten, boomenden Küsten die Präsidentschaft Donald Trumps hervorgebracht. Das Versprechen, Jobs in alten Industrien - Auto, Stahl, Chemie - in angestammte Regionen zurückzuholen, wird zwar nicht funktionieren. Aber die nostalgische Erinnerung an eine Zeit, als man in Amerika noch ohne Berufsausbildung ein Mittelschichtsleben führen konnte, kommt bei einer eher älteren Wählerschaft gut an.

Globalisierung und Migration begünstigen ohnehin die Metropolen. Ein Trend, der nun noch verstärkt wird durch den natürlichen Rückgang der Bevölkerung infolge niedriger Geburtenzahlen.

Geld und gute Worte

In den kommenden Jahrzehnten stehen auch Deutschland enorme demografische Umwälzungen bevor. Nach den Prognosen des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) wird in großen Teilen des Landes bis 2035 die Bevölkerung schrumpfen. Die zurückgehende Einwohnerschaft konzentriert sich zunehmend auf die großen Städte und ihr Umland.

Geht doch nach drüben? Was seit 1990 weitgehend auf die ostdeutschen Bundesländer beschränkt war, wird zum Normalfall.

Die zunehmende demografische Polarisierung dürfte eines der großen gesellschaftlichen Konfliktfelder der kommenden Jahrzehnte werden. So wird es immer schwieriger, tragfähige Kompromisse zwischen Stadt und Land - zwischen Offenheit und Abschottung - zu finden.

Klar ist auch: Mit Geld allein ist es nicht getan. Umverteilung im großen Stil schützt nicht davor, dass sich Gefühle des Abgehängtseins ausbreiten können - wie sich in Ostdeutschland zeigt, wo die AfD bei der letzten Bundestagswahl als zweitstärkste Kraft abschnitt. Übrigens konnten die Rechten auch im reichen Baden-Württemberg in ländlichen Wahlkreisen punkten.

Ländliche Gebiete sind in den Parlamenten tendenziell überrepräsentiert, weil möglichst alle Teile eines Landes vertreten sein sollen, auch die dünner besiedelten. Wenn aber gerade die ländlichen Wähler den Kurs eines Landes bestimmen, besteht die Gefahr, dass sich viele Städter nicht mehr durch das System repräsentiert fühlen - und womöglich ebenfalls auswandern.

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