Mittwoch, 20. September 2017

Ex-Topmanager Thomas Sattelberger als FDP-Bundestagskandidat "Die Maske kalter Wirtschaftspolitik ablegen"

Die Rückkehr der FDP: Diese Liberalen könnten bald mitregieren
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manager-magazin.de: Herr Sattelberger, wir kennen Sie als Topmanager verschiedener Dax-Konzerne und als mm-Kolumnist. Jetzt sprechen wir mit dem FDP-Politiker Thomas Sattelberger, der für den Bundestag kandidiert. Das ist ungewohnt.

Sattelberger: Politikerkarrieren und Politik müssen unkonventioneller, farbiger werden. Ich sehe mit großer Sorge die parlamentarische Dominanz weniger Berufsgruppen mit oft geringer Wirtschaftskompetenz. Und zum Teil praxisfremde Debatten in Parteien. Ich möchte weitere Manager, generell Quereinsteiger, ermuntern, den Weg zu gehen, den ich gehe. Weil Quereinsteigen oft zu Querdenken führt und damit zum Bruch mit überkommenen Routinen.

mm.de: Wechsel zwischen Politik und Wirtschaft werden zunehmend kritisch beäugt, aktuell in der Autoindustrie.

Sattelberger: Wenn es sich in einer Branche so einseitig häuft wie in der Automobilindustrie, wird das zu Recht kritisch gesehen. Übermaß ist immer schlecht. Aber der Bundestag hat ja derzeit kein Problem damit, dass zu viele Manager drin säßen. Mir ist egal, ob FDP oder CDU oder SPD oder Grüne - Politik muss vielfältiger werden, und das geht nur über die Diversität der Persönlichkeiten und Erfahrungshintergründe.

Thomas Sattelberger
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    Thomas Sattelberger ist einer der bekanntesten Personalmanager Deutschlands. Seine Karriere führte ihn von Daimler über Lufthansa und Continental zur Deutschen Telekom, wo er als Personalvorstand die erste Frauenquote eines Dax-Konzerns einführte. 2015 trat Sattelberger in die FDP ein, er kandidiert in München-Süd für den Bundestag.

mm.de: Nun haben Sie sich für die FDP entschieden, die aus dem parlamentarischen Aus zurückzukehren scheint. Wir erinnern uns aber noch an die letzte Regierungszeit von Schwarz-Gelb, die im Debakel endete. Warum soll es diesmal anders laufen?

Sattelberger: Der Rauswurf aus dem Bundestag war eine Lektion. Ich habe mir gut angeguckt, wie die FDP daraus lernt. Ich habe mich ja erst vor gut zwei Jahren für die FDP erklärt, übrigens vor den Wahlerfolgen in Hamburg und Bremen.

Ich wollte wissen, ob diese Partei im Kern verstanden ist, dass sie die Maske kalter Wirtschafts- und Steuerpolitik ablegen muss. Dass sie sich vielmehr für Innovations- und Zukunftsfähigkeit von Gesellschaft und Wirtschaft einsetzen muss. Und dass sie eine liberale Antwort gibt auf Fragen der sozialen Gerechtigkeit. Ich kam, mit all den Abstrichen, die man immer machen muss, zu dem Schluss: Die FDP und ich, wir passen zueinander.

mm.de: Nach Ihrer Biografie hätten Sie auch bei jeder anderen Bundestagspartei landen können: Sie sind als Topmanager bei der CDU aufgetreten, waren in Ihrer Jugend Sozialist und sind mit Joschka Fischer befreundet.

Sattelberger: Na, so beliebig ist das definitiv nicht. Die Große Koalition hat von der Rente mit 63 bis zum Mindestlohn den Arbeitsmarkt zubetoniert. Das ist für mich als Wirtschaftsmann unerträglich. Ich habe erlebt, wie die Lufthansa Börsen-Chart zeigen nach dem 11. September 2001 durch flexible Arbeitsmodelle überlebt hat. Wie die Continental Börsen-Chart zeigen Mitte vergangenen Jahrzehnts ihre deutschen Reifenwerke gerade durch Leih-, Zeitarbeits- und Werkverträge wettbewerbsfähig halten konnte.

Dann hat mich abgestoßen, mit welcher Rabiatheit die Große Koalition das Thema Bürgerrechte anfasst: Verschärfung von Gesetzen, anlassfreie Überwachungen und Staatstrojaner. Viel besser wäre, den Bürgern Sicherheit zu vermitteln durch effektive Polizeipräsenz und strikte Gesetzesanwendung.

Außerdem hat die Bundesregierung keine Antwort auf die digitale Revolution. Das ist desaströs. Was tut Deutschland, um die digitale Wende nicht nur als Nachzügler mitzuerleben, sondern zu gestalten? Deutschland ist zwar im Status Quo passabel positioniert. Wir sind Exportweltmeister, fahren ungewohnte Margen ein, haben Vollbeschäftigung. Aber in der digitalen Halbherzigkeit liegt die strategische Gefahr.

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