Dienstag, 24. Oktober 2017

Ex-Topmanager Thomas Sattelberger als FDP-Bundestagskandidat "Die Maske kalter Wirtschaftspolitik ablegen"

Die Rückkehr der FDP: Diese Liberalen könnten bald mitregieren
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2. Teil: "Mit dem Apotheken-Beschluss haben wir ein deutliches Zeichen gesetzt"

mm.de: In Ihrem Wahlprogramm fällt auf, dass die FDP sich nun stärker für Zukunftsinvestitionen ausspricht und sogar mehr Ausgaben für Bildung an die erste Stelle gesetzt hat. Das klingt nach einem anderen Akzent gegenüber Ihrem früheren Profil als Partei der Steuersenkungen und des schlanken Staats.

Sattelberger: Das Thema Bildung war schon früher liberaler Markenkern mit Hildegard Hamm-Brücher oder Ralf Dahrendorf, wurde dann von der finanzwirtschaftlichen Seite überlagert. Diesen Markenkern hat Parteichef Christian Lindner voll wieder aufpoliert - und genau zur richtigen Zeit. Dabei geht es nicht nur um die klassisch liberale Position der Potenzial- und Talententfaltung des Individuums, sondern auch um Qualifikation als volkswirtschaftlicher Wettbewerbsfaktor.

mm.de: In der Vergangenheit baute die FDP stark auf Freiberufler, die möglichst vom Staat in Ruhe gelassen werden wollen, zugleich aber Schutz vor dem freien Markt suchen. Klientelpolitik war einer der Kritikpunkte, die zum schlechten Image der FDP in der vorigen Regierungsbeteiligung beigetragen haben.

Sattelberger: Durch unseren positiven Beschluss zum Online-Versandhandel im Apothekenbereich haben wir ein deutliches Zeichen für Öffnung gesetzt, obwohl uns dafür einige eine Backpfeife geben wollen.

mm.de: Nur ein Zeichen? Oder verabschieden Sie sich von Ihrer Basis?

Sattelberger: Ersetzen wir das Wort Klientel durch Zielgruppe. Jede Partei hat auch eine zielgruppenspezifische Programmatik. Die Zielgruppe der kleinen und mittleren Unternehmen sowie der Solo-Selbständigen ist für uns zentral. Aber auch die Zielgruppe der Spezialisten und Führungskräfte, der Wissens- und Kreativarbeiter in den Unternehmen.

mm.de: Eine Zielgruppe, die sehr häufig im Programm genannt wird, sind die Startup-Gründer. Die ist aber eher klein, oder ist das mehr als Rollenmuster zu verstehen?

Sattelberger: Noch ist sie klein, aber es geht hier nicht nur um eine Zielgruppe, sondern um eine der Kernfragen von Wirtschaftspolitik. Unser mittelständisches Unternehmertum wird immer älter. Nur 6 Prozent unserer Top-Hidden-Champions sind jünger als 50 Jahre. Wir haben zudem ein Stück Monokultur in Deutschland: Automobil-, Maschinen- und Anlagenbau. Wenn es nicht gelingt, eine Internet-Ökonomie zu skalieren, dann geraten wir in eine unbequeme Sandwich-Position zwischen dem rasant wachsenden Maschinenhaus China und dem digitalen Haus USA.

Da bin ich auch ein klarer Vertreter von Industriepolitik. Wir brauchen Free Enterprise Zones in Deutschland. Ähnlich wie Shenzhen in China oder die High-Tech-Region Sophia Antipolis in Südfrankreich zwischen Nizza und Cannes: attraktiv für internationale Fachleute, steuerlich geförderte Innovationsvorhaben und kaum Bürokratie.

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