Samstag, 25. Juni 2016

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Tarifrunde 2016 Darf's noch ein bisschen mehr sein?

Spielraum für Lohnerhöhungen: Die preisliche Wettbewerbsfähigkeit der hiesigen Wirtschaft ist derzeit höher als je zuvor in den vergangenen 50 Jahren

In der Tarifrunde dieses Jahr spielt den Gewerkschaften die gute Lage auf dem Arbeitsmarkt in die Hände. Zu Recht, denn dauerhafte Lohnzurückhaltung ist keine sinnvolle wirtschaftspolitische Strategie.

Was knapp ist, wird teurer. So sollte es sein. Der Preismechanismus in all seinen Spielarten ist eines der wunderbaren Elemente einer funktionierenden Marktwirtschaft. Knappheiten werden quasi automatisch behoben, Ungleichwichte austariert. So gesehen, ist es eigentlich seltsam, dass die Löhne in Deutschland nicht längst viel schneller steigen.

Denn die Entwicklung geht seit Jahren nur in eine Richtung: Die Beschäftigung erreicht immer neue Höchststände. Der Arbeitsmarkt ist in weiten Teilen leer gefegt. Viele Unternehmen können ihren Personalbedarf nur noch decken, weil derzeit so viele Bürger aus anderen EU-Staaten nach Deutschland kommen wie nie zuvor.

Dennoch bleiben viele Arbeitsplätze leer. Der Stellenindex der Bundesagentur für Arbeit ist auf dem höchsten Niveau seit seiner Einführung. Rekordverdächtige 600.000 Jobs waren im Januar unbesetzt (neue Zahlen vom deutschen Arbeitsmarkt gibt's Dienstag).

Wenn Arbeitskräfte knapp sind, sollte der Preis der Arbeit - der Lohn - eigentlich ordentlich zulegen. Wie sonst sollten weitere Menschen in den deutschen Arbeitsmarkt gelockt, wie sonst sollten Beschäftigte zu mehr Leistung und zu höheren Bildungsanstrengungen motiviert werden?

IG Metall wird 4,5 bis 5 Prozent mehr fordern

In der Realität jedoch reagiert der deutsche Arbeitsmarkt ziemlich träge. Lange Zeit stagnierte die Löhne. Voriges Jahr sind die Tarifentgelte um 2,4 Prozent gestiegen. Überraschend langsam, wie auch Wirtschaftsforscher konstatieren. Selbst wenn man berücksichtigt, dass einige Unternehmen mehr draufgelegt haben als mit den Gewerkschaften vereinbart, bleibt der Zuwachs vergleichsweise bescheiden: Unterm Strich kam nach bisherigen Schätzungen 2015 im Schnitt ein Lohnplus von 2,8 Prozent heraus. Nicht schlecht angesichts der extrem niedrigen Inflationsrate von nahe Null - aber auch nicht gerade berauschend angesichts der guten Lage.

Geht da noch mehr?

Montag stellt die IG Metall ihre Forderung für die diesjährige Tarifrunde vor. Der Gewerkschaftsvorstand hat bereits seine Empfehlung ausgesprochen: 4,5 bis 5 Prozent. Damit liegt er etwa im Rahmen dessen, was andere Gewerkschaften bereits gefordert haben.

Das Ritual gebietet nun, dass die Arbeitgeber die Forderung als viel zu hoch zurückweisen. Gesamtmetall-Chef Rainer Dulger dürfte denn auch die immensen wirtschaftlichen Risiken herausstellen: Die deutsche Industrie leidet unter der Schwäche der Schwellenländer und des bröckelnden Welthandels. Die Produktion ging zuletzt leicht zurück. Jüngste Umfragen des Ifo-Instituts zeigen: Während die Binnenwirtschaft, zumal der Bau, brummt, blickt die exportorientierte Industrie bestenfalls verhalten in die Zukunft. Auch mit Neueinstellungen will man sich zurückhalten. Gewichtige Gründe also, Lohnzurückhaltung anzumahnen?

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