Montag, 27. Juni 2016

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Studie Führungspositionen machen Männer froh - und Frauen depressiv

Stress im Job: Erfolgreiche Frauen sehen sich laut einer Studie Erwartungen gegenüber, die sie unmöglich erfüllen können - das könne depressiv machen

In der Diskussion um die Frauenquote lässt eine Studie aufhorchen: Weibliche Führungskräfte leiden häufiger unter ihrem beruflichen Erfolg, schreiben zwei US-Forscherinnen. Zu echter Gleichberechtigung braucht es viel mehr als eine andere Verteilung der Posten.

Hamburg - Frauen in Führungspositionen zeigen häufiger depressive Symptome als Frauen in weniger einflussreichen Jobs - das ist das Ergebnis einer Studie zweier amerikanischer Wissenschaftlerinnen. Mehr noch: Im Job erfolgreiche Männer seien hingegen weniger häufig depressiv als ihre Geschlechtsgenossen weiter unten in der Firmenhierarchie.

In Zahlen mögen die Unterschiede klein wirken: 3 Prozent der untersuchten Frauen ohne Autorität am Arbeitsplatz hätten laut ihres Untersuchungsmodells zu Depressionen geneigt, schreiben Tetyana Pudrovska und Amelia Karraker in einer aktuellen Studie im angesehenen "Journal of Health and Social Behavior". Wenn sie das Gehalt ihrer Untergebenen beeinflussen oder Arbeitnehmer einstellen und entlassen könnten, erhöhe sich diese Rate auf fast 3,5 Prozent. Interessant werden die Daten allerdings vor dem Hintergrund zweier weiterer Phänomene.

Eigentlich müsse es den untersuchten Frauen nämlich besser gehen: Führungspositionen brächten viele Faktoren mit sich, die die psychische Gesundheit positiv beeinflussten - etwa ein höheres Einkommen, mehr Prestige und größere Autonomie. Wohl auch deshalb sinke das Depressionsrisiko bei erfolgreichen Männern.

Führungserfolg = männliche Eigenschaft

Die Forscherinnen erklären ihren Befund mit gesellschaftlichen Rollenmustern: Gute Führung und Führungserfolg werde häufig mit stereotypen männlichen Eigenschaften gleichgesetzt. Kulturell stehe der Mann für Macht, Autorität, Konkurrenzdenken und Unabhängigkeit - Frauen hingegen würden eher mit Kooperation und Empathie, mit sich kümmern gleichgesetzt.

Um erfolgreich zu führen, könnten Männer am Arbeitsplatz ohne Probleme auf die männlich besetzten Eigenschaften zurückgreifen, schreiben die Forscherinnen. Sie riskierten dabei keinen zwischenmenschlichen Stress - ein dominanter Chef sei eben dominant, weil er ein Mann sei.

Von Frauen erwarteten Arbeitnehmer hingegen eher weiblich konnotierte Charakterzüge - von ihrem Chef allerdings männlich besetzte Verhaltensweisen. Erfolgreiche Frauen sähen sich daher Ansprüchen ausgesetzt, die sie unmöglich erfüllen könnten. Diese Zwickmühle vergrößere den Stress und das Unwohlsein am Arbeitsplatz, was final wiederum in depressive Symptome münden könne.

Bei Quoten darf es nicht bleiben

Für ihre Untersuchung haben Pudrovska und Karraker die Wisconsin Longitudinal Study (WLS) ausgewertet, eine seit 1957 laufende Befragung von tausenden Menschen, die in jenem Jahr ihren High-School-Abschluss im US-Bundesstaat Wisconsin gemacht haben. Die WLS biete einen riesigen Datensatz, um Karriere und psychische Disposition von Menschen zu erforschen - die Wissenschaftlerinnen haben 2809 Fälle untersucht -, liefere aber auch einige Einschränkungen. So seien heute wesentlich jüngere Frauen und Männer auf dem Arbeitsmarkt aktiv als die ausgewählten Wisconsinites mit Jahrgang 1939.

Andere Studien und Eindrücke aus der Wirtschaft zeigten allerdings, dass Frauen in vielen Jobs nach wie vor benachteiligt würden. Entsprechend dürften strukturelle Maßnahmen - wie etwa die neue Frauenquote - nicht die einzigen Instrumente zur Stärkung weiblicher Top-Arbeitskräfte bleiben.

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