Donnerstag, 16. August 2018

SPD-Politik zum Gähnen Wie Martin Schulz sein Image zerstört

Martin Schulz auf dem SPD-Parteitag
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Martin Schulz auf dem SPD-Parteitag

Der morgendliche Newsletter von "Spiegel Online" zeigt das Bild eines herzhaft gähnenden Martin Schulz. Der Text dazu ist fair und zeigt durchaus Verständnis für das Mammut-Programm des SPD-Chefs. Aber das Bild ist stärker - und könnte den Ansehensverlust des gescheiterten Kanzlerkandidaten beschleunigen.

Mama hatte schon Recht: "Wenn du gähnst, mein Sohn, halt' dir die Hand vor den Mund!" Oma hat das dann noch getoppt: "Sonst landet noch eine Fliege in deinem Mund!" Die Angst davor treibt mich heute noch dazu, selbst in der Einsamkeit meines Büros beim Gähnen die Luke zu verschließen. Nicht so Martin Schulz.

Tom Buschardt
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    Tom Buschardt ist seit Ende der 1990er Jahre Medientrainer. Er coacht Vorstände und Politiker für den optimalen Auftritt vor Mikrofon, Kamera und Publikum. Seit 2004 ist er auch Dozent an der Akademie des Auswärtigen Amtes (Interviewtraining). Er arbeitete für zahlreiche Sender der ARD sowie RTL Aktuell und ist Experte für Krisenkommunikation. www.buschardt.de

Es geht nicht darum, ob sich hier ein spätes Erziehungsversäumnis im Hause Schulz auftut. Viel entscheidender ist die kommunikative Botschaft, die der SPD-Vorsitzende mit diesem unglücklichen Schnappschuss ungewollt aussendet. Es ist nur eine Sekunde seines 20-Stunden-Tages, doch sie transportiert Desinteresse und Langeweile. Martin Schulz hatte in den vergangenen Wochen nicht unbedingt das, was man in der politischen Kommunikation einen "guten Lauf" nennen würde. Erst wirkte er - je nach Perspektive des Zuschauers - mit seinem "Nein" zur großen Koalition entweder fest entschlossen oder aber bockig. Auf jeden Fall wie jemand, der klare Kante zeigt. Schulz hätte an diesem Punkt die Chance gehabt, Angela Merkel als unfähig erscheinen zu lassen, eine neue Regierung zu bilden. Die SPD hätte die Unionsparteien in einer Minderheitsregierung aushungern können, um dann bei Neuwahlen gegen einen neuen CDU-Spitzenkandidaten eine zweite Chance zu bekommen - vielleicht hätte es nach den gescheiterten Jamaika-Gesprächen sogar für Rot-Rot-Grün gereicht.

Dann allerdings kam der erste große Kommunikationsfehler: Schulz ließ sich von einem "Spiegel"-Reporter während des Wahlkampfs begleiten, dem er ungehinderten Zugang gewährte - ohne vorherige Absicherung, ohne Freigabe der Zitate vor der Veröffentlichung. Journalistisch betrachtet war es eine wunderbare Titelgeschichte - kommunikativ funktioniert hätte sie für Schulz aber nur im Falle eines Wahlsieges. Und der blieb bekanntermaßen aus.

Für sich allein genommen wäre der Gähner kein PR-Problem

Wer hat ihm nur dazu geraten? Vermutlich dieselben Leute, die ihn auch vor weiteren Kommunikationspatzern nicht geschützt und ihn anschließend nicht aufgefangen haben. In der "Martin Schulz Story" war nachzulesen, dass der Kandidat selbst im Wahlkampf schon nicht mehr an seinen Sieg glaubte, während er auf den Marktplätzen und in den TV-Wahlarenen unverdrossen verkündete: "Ich will Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland werden". Dabei war man bei Martin Schulz schon von Anfang an nicht ganz sicher, ob er lieber der Provinzpolitiker aus Würselen geben wollte oder den europäischen Staatsmann. In seiner Rolle als gesamtdeutscher Kanzlerkandidat ist Schulz nie wirklich angekommen.

Und auch nach der verlorenen Wahl wurde es nicht besser: Auf dem SPD-Parteitag in Bonn sagte Schulz: "Ein Prozent von etwas ist mehr als 100 Prozent von nichts". Da frage ich mich, wer ihn berät oder ob er sich überhaupt beraten lässt. Denn das Resultat der Sondierungsgespräche als ein "Ein-Prozent-Ergebnis" darzustellen - darauf kann nur ein Provinzpolitiker kommen. Das ist nicht der Horizont aus Brüssel, sondern der aus Würselen. Berlin ist da weit weg. Ganz weit.

Für sich allein genommen wäre der Gähner von Martin Schulz kein PR-Problem. Wir alle wissen ja, dass selbst die arbeitnehmerfreundlichen Genossen in der Bundespolitik von einer 35-Stunden-Woche weit entfernt sind. Wir ahnen, wie Kraft zehrend es sein muss, an der Spitze einer Partei zu stehen, die sich in einem Selbstfindungsprozess befindet. Und wir wissen, dass ein müder Parteichef spätestens durch die engagierte Eloquenz von Kevin Kühnert oder den laut-barocken Vortragsstil einer Andrea Nahles wieder hellwach werden wird. Der inhaltliche Schaden ist also überschaubar.

Die Fortsetzung kommunikativer Pannen

Doch bei aller Menschlichkeit des Schulzschen Gähners, so natürlich und verständlich er auch sein mag: Er taucht sein Handeln und Argumentieren der vergangenen Wochen in ein grelles Licht - und wirkt wie die logische Fortsetzung einer ganzen Folge kommunikativer Pannen. Schulz wirkt schwach, müde und inhaltlich gewendet. ("Wir lehnen eine große Koalition ab", sagte er nach der Wahl noch in aller Deutlichkeit.) Der Gähner, diese 60stel Sekunde eines langen Tages, spricht eine inhaltliche Sprache in diesem Kontext.

US-Präsident George Bush (der Senior) war während einer TV-Debatte mit seinem Rivalen Bill Clinton unscharf im Hintergrund zu erkennen, als dieser sprach. Während Clinton argumentierte, war zu erkennen, wie Bush auf seine Armbanduhr schaute. In der Bilderwelt Amerikas galt das als Beweis dafür, dass Bush den Kontakt zu den alltäglichen Problemen des Landes verloren hatte. Die Botschaft mit des Blickes auf die Uhr war: "Das dauert mir hier alles zu lange, es interessiert mich nicht." Bush verlor die Wahl.

Ähnlich wirkt auch der aktuelle Schnappschuss des SPD-Chefs. Er sagt: "Ich bin müde und ausgelaugt, ohne jegliche Energie." Mit Logik hat das nichts zu tun - nur mit öffentlicher Wahrnehmung. Die Interpretation dieses Bildes hat Schulz durch seine kommunikative Vorarbeit in den Wochen nach der Bundestagswahl selbst nahe gelegt.

In diesem Sinne: Gute Nacht, allerseits! Um immer daran denken, was Mama gesagt hat.

Tom Buschardt ist Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wider.

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