Samstag, 21. April 2018

Warum der Aufschwung kippen kann Verspielt die Politik den Deutschland-Boom?

.Wirtschaftlicher Erfolg ist das Fundament deutscher Selbstgewissheit. Aber das Berliner Personal ist derzeit dabei, das optimistische Deutschlandgefühl zu verspielen.

Deutschland ist cool, diese Stimmung trägt das Land dank des wirtschaftlichen Dauerbooms. Doch Überschwang und Aufschwung könnten kippen, weil die Politik das neue Deutschlandgefühl verspielt.

Kürzlich habe ich eine Flasche der Marke "Siegfried Rheinland Dry Gin" verschenkt. Ich kenne mich mit Schnaps nicht aus und weiß nicht, ob das Destillat etwas taugt. Aber den Namen fand ich interessant. Noch vor wenigen Jahren wäre eine solche Anspielung auf deutsche Mythen kaum denkbar gewesen. Nibelungen und Rheingold fanden allenfalls in Opernhäusern statt, aber nicht im übrigen öffentlichen Leben.

Siemens Börsen-Chart zeigen hatte einst eine Glühlampe namens "Wotan" auf den Markt gebracht. Das war 1910, zu Zeiten nationalen Überschwangs unter Kaiser Wilhelm Zwo. Lange her. Nach zwei Kriegen und zig Millionen Opfern war Deutschmythisches über Jahrzehnte kein verkaufsförderndes Attribut mehr.

Deutsch war damals das Gegenteil von cool. Doch das hat sich zwischenzeitlich geändert. Ich will das Label "Siegfried" gar nicht problematisieren. Es ist vermutlich souverän ironisch gemeint. Insofern illustriert es jenen Wandel, der sich im Selbstverständnis dieser Gesellschaft vollzogen hat.

In den vergangenen zehn, zwölf Jahren hat sich eine neue Gelassenheit breitgemacht, basierend auf einem satten Selbstbewusstsein. Das ist erst einmal nichts Schlechtes, sondern gerade eine Voraussetzung für Offenheit, Toleranz und Experimentierfreude. Nur wer sich seiner selbst gewiss ist, lässt sich von dem Fremden nicht so leicht verunsichern.

Das neue Deutschlandgefühl

So war Deutschland in den Jahren unter Angela Merkel: eine zumeist gelassene Nation, ausgestattet mit solidem Selbstbewusstsein, die endlich auch ihre eigene Vergangenheit ironisieren konnte.

Das Fundament, auf dem diese Selbstgewissheit basierte, war der wirtschaftliche Erfolg. Als Kanzlerin hatte Merkel das Glück, auf diesem positiven Deutschlandgefühl dahingleiten zu können. Ab 2006 schwelgte das Land in einem neuen Optimismus: mit einer wachsenden Wirtschaft, mit immer mehr Jobs und immer weniger Arbeitslosen, mit immer weiter steigenden Überschüssen im Außenhandel (neue Exportzahlen gibt's Dienstag) und im Staatshaushalt.

Das positive Grundgefühl unterstützte wiederum die Wirtschaftsentwicklung - eine sich selbst verstärkende Spirale, die bis heute anhält (achten Sie Donnerstag auf neue Zahlen zum Wirtschaftswachstum 2017 vom Statistischen Bundesamt).

Doch all das steht derzeit zur Disposition. Und das ist tatsächlich ein Drama.

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