Donnerstag, 20. September 2018

Yücel-Freilassung Warum man Sigmar Gabriel nicht zu früh abschreiben sollte

Noch-Außenminister Sigmar Gabriel: Rettet ihm Deniz Yücel den Job?

Im Vergleich zu dem, was der kommissarische SPD-Vorsitzende Olaf Scholz derzeit in seiner Partei vorfindet, muss ihm der Hamburger G20-Gipfel im Nachhinein wie ein Pfadfindertreffen vorkommen. Jedenfalls war der Unterhaltungswert der Genossen seit dem denkwürdigen Auftritt von Gerhard Schröder bei der Elefantenrunde vor zwölf Jahren selten so hoch wie jetzt. Allerdings ist "Unterhaltung" nicht die Aufgabe deutscher Sozialdemokratie.

Sigmar Gabriel, bei dem Licht und Schatten in seinen PR-Fähigkeiten eng beieinander liegen, hat sich kommunikativ definitiv verhoben. Auf der einen Seite schlagfertig, rhetorisch brillant, fachlich präzise - und auf der anderen Seite kommunikativ eher in einem Vorort von Würselen unterwegs. Gekränkte Eitelkeit hat Gabriel offenbar den Blick fürs richtige Maß versperrt, als er sich hinter einem Kindergartenkind verstecken musste und seine Tochter Marie ins Rennen gegen den Widersacher Schulz schickte.

Kommunikative Entgleisungen

Tom Buschardt
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    Tom Buschardt ist seit Ende der 1990er Jahre Medientrainer. Er coacht Vorstände und Politiker für den optimalen Auftritt vor Mikrofon, Kamera und Publikum. Seit 2004 ist er auch Dozent an der Akademie des Auswärtigen Amtes (Interviewtraining). Er arbeitete für zahlreiche Sender der ARD sowie RTL Aktuell und ist Experte für Krisenkommunikation. www.buschardt.de

Die kleine Marie tut mir leid. Sie kann noch nicht richtig lesen und schreiben und hat schon einen SPD-Vorsitzenden geschasst. "Papa, jetzt hast du doch mehr Zeit mit uns. Das ist doch besser als mit dem Mann mit den Haaren im Gesicht." Dieses Zitat hat Sigmar Gabriel ihr angedichtet oder weiterverbreitet - es spielt keine Rolle. Ja, Kinder sind in schwierigen Zeiten ein echter Trost - aber der gehört nicht in die Öffentlichkeit. Und als taktisches Manöver schon gar nicht.

Sigmar Gabriel war schon vor der Bundestagswahl in einem Interview (sehenden Auges?) in die Falle getappt, die man ihm gestellt hatte: Wen er denn wählen würde, seine Tochter oder Martin Schulz? Er entschied sich für seine Tochter und Schulz war öffentlich gekränkt oder zumindest für einen kurzen medialen Augenblick der Lächerlichkeit preisgegeben. Und wenn schon? Martin Schulz hatte mit der von ihm und seinen Beratern unkontrolliert zugelassenen Spiegel-Geschichte "Die Schulz Story" ohnehin den Begriff "politische Tapsigkeit" in neue Dimensionen geführt.

Jeder Vater und JedeMutter würde auf eine solche Frage so antworten. Ich ziehe meine eigenen Kinder natürlich jedem anderen Menschen vor, wenn man mich vor die Wahl stellt. Alles andere wäre unnatürlich. Das gilt auch für Gabriel. Aber in Kenntnis des damaligen Empfindens auf Schulz' Seite, hätte auch Gabriel etwas mehr Fingerspitzengefühl zeigen können.

Selbst Hooligans haben noch die Regel, dass man jemandem der schon ohnmächtig auf dem Boden liegt, nicht noch mit beiden Beinen ins Kreuz springt. Es waren nicht nur die Kommentare in den Medien, die Gabriel den eisigen Gegenwind haben spüren lassen. Es mag viele Genossen geben, die Elefanten mögen und süß finden. Aber im Porzellanladen gehören sie fixiert. Es wurde eng für Gabriel. Sehr eng.

Rhetorischer Brückenbauer

Völlig daneben war natürlich, dass er Martin Schulz zunächst nur eine SMS geschickt hatte. Schulz züchtigte den Parteifreund dann auch mit der Höchststrafe, die man einem Sigmar Gabriel zukommen lassen kann: Er antwortete nicht, ignorierte das Schwergewicht der SPD. Und so musste Gabriel notgedrungen in die persönliche Kommunikation ausweichen. In seiner Bitte um Entschuldigung hat Gabriel allerdings dann - in alter Brillianz - wieder die richtigen Worte gefunden: "Wir verstehen beide, wo unsere gegenseitigen Verletzungen liegen und dass alles menschlich ist. Wir sind schließlich keine Politmaschinen."

Rhetorisch baut er sich damit eine komfortable Brücke, über die er dann erhobenen Hauptes schreiten kann: "Wir verstehen beide, wo unsere Verletzungen liegen" - damit zeigt er sich nicht nur als menschlich und verletzlich, sondern stellt sich selbst auch als emotionales Opfer da. Dabei müsste jemandem vom Verstande eines Sigmar Gabriels bewusst sein, dass "geschäftsführender Außenminister" nun mal nicht "Außenminister" ist, sondern eine Interimslösung, ein Provisorium. Ein befristeter Arbeitsvertrag - und das noch nicht einmal sachgrundlos.

Mit der Formulierung seiner Vergebungsbitte schafft Gabriel rhetorisch den Schulterschluss mit seinem Opfer - und profitiert davon. Besser kann man es nicht machen, wenn einem die selbstgebaute Wortgranate soeben in der eignen Hand explodiert ist. Es würde mich nicht wundern, wenn die geschickt agierende Andrea Nahles, ihren damaligen Parteivorsitzenden Schulz sogar noch ermuntert hätte, nach dem Außenministerium zu greifen. Zwei Fliegen mit einer Klappe - sehr effektiv.

Die Flensburger Oberbürgermeisterin Simone Lange, die nicht nur gegen Nahles antritt, sondern sich gerade hervorragend für höhere Aufgaben in Schleswig-Holstein emfiehlt, fällt übrigens derzeit durch kluge und unaufgeregte Interviews positiv auf. Das ist gegen "Bätschi"- und "Auf-die-Fresse"-Nahles auch nicht schwer. Aber es tut gut, sich für einen Augenblick eine Sozialdemokratin mit guten Umgangsformen an der Spitze einer Volkspartei vorzustellen. Nahles bekommt ohnehin keine 100 Prozent. Ob mit oder ohne Lange.

Freilassung von Yücel könnte Gabriel den Außenminister-Job sichern

Doch wohin mit Sigmar Gabriel, wenn er nicht mehr Außenminister sein darf? Ehrenvorsitzender der SPD wird er wohl nicht werden und Popkulturbeauftragter der SPD ("Siggi Pop") war er bereits. Inzwischen lässt er auch nicht mehr Marie zu Wort kommen, sondern Serbiens Präsident Alesksandar Vu¿i. Der gibt vor Journalisten zu Protokoll, Gabriel sei ein Mensch der "sehr gut zuhören" könne, der die Gegebenheiten seines Landes "am meisten versteht" und dann macht er es ganz konkret: "Ich würde es gerne sehen, wenn er an wichtiger Stelle in der Bundesrepublik bleibt." Das ist ein Zeugnis erster Klasse.

Offenbar hat Gabriel bei diesem Termin wieder zu alter Stärke zurückgefunden.

Und nicht nur dort. Durch die Freilassung des deutsch-türkischen Journalisten Deniz Yücel steigen wieder Gabriels Chancen, doch noch im Ministeramt zu bleiben: Gabriel hatte sich tatkräftig für die Freilassung Yücels eingesetzt - nun ist ihm nicht nur der Dank aller Demokraten quer durch alle Parteien sicher - sondern auch sein Platz in der SPD ist wieder gefestigt.

Unterdessen hat der Ex-SPD-Vorsitzende und Spaltpilz Oskar Lafontaine, der offenbar seine Vendetta mit der Schröder-SPD beilegen möchte, einen neuen Vorschlag unterbreitet: Man brauche eine neue linke Sammlungsbewegung. Kein Wunder: Schließlich wurde die SPD in der jüngeren Geschichte schon zweimal zur Ader gelassen: einmal bei der Gründung der Grünen und dann nochmal durch Lafontaines WASG, die später mit der PDS zur Linkspartei fusionierte.

So wie es derzeit läuft, könnte Angela Merkel sich der Sozialdemokratie anschließen, falls die Union sie nicht mehr will. Aber bei den ehemals Konservativen rumort es bereits spürbar. Gute Regierungen brauchen eine starke Opposition. So gesehen waren die großen politischen Lager von früher gar nicht so schlecht. Die Union wird nicht davon profitieren, wenn ihr Koalitionspartner zu einer Nano-SPD schrumpft.

Andrea Nahles sprach ja bereits von Angela Merkels "Götterdämmerung". Da kann man nur hoffen, dass die Kanzlerin und Wagner-Liebhaberin den Hinweis richtig interpretiert. Inhaltlich liegt die strategisch-instinktsichere Nahles in diesen Tagen nicht unbedingt falsch.

Bätschi, SPD.

Tom Buschardt ist Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wider.

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