Donnerstag, 16. August 2018

Siemens-Chef reagiert auf Hassrede der AfD Joe Kaeser kontert AfD - warum CEOs politisch werden müssen

Lieber "Kopftuch-Mädel" als "Bund Deutscher Mädel": Siemens-Chef Joe Kaeser sorgte mit seiner Replik an Alice Weidel (AfD) für Furore
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Lieber "Kopftuch-Mädel" als "Bund Deutscher Mädel": Siemens-Chef Joe Kaeser sorgte mit seiner Replik an Alice Weidel (AfD) für Furore

Als kürzlich Alice Weidel von der AfD in einer Bundestagsrede Menschen allein wegen ihrer Herkunft und Religion auf übelste Weise diffamierte, ließ die berechtigte Empörung aus Politik, Medien und von einigen gesellschaftlich relevanten Gruppen nicht lange auf sich warten. Das war richtig und wichtig, aber auch wenig überraschend.

Überrascht waren aber dann viele, als sich auch Siemens-Chef Joe Kaeser dezidiert äußerte. Auf den tückischen Aufschlag von Weidel antwortete er auf Twitter mit einem krachenden Return: "Lieber ,Kopftuch-Mädel' als ,Bund Deutscher Mädel'. Frau Weidel schadet mit ihrem Nationalismus dem Ansehen unseres Landes in der Welt."

Ulrich Goldschmidt
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    Gerhard Blank
    Ulrich Goldschmidt ist Vorstands-vorsitzender des Berufsverbandes "Die Führungskräfte" (DFK) in Essen. Der Jurist ist Spezialist für Führungsfragen, Vergütung und Corporate Governance. Außerdem ist er Ansprechpartner für die Sprecherausschüsse der Leitenden Angestellten sowie Berater und Coach für Vorstände und Aufsichtsratsmitglieder.

Dafür gab es viel Beifall, aber auch das eine oder andere irritierte Stirnrunzeln. Ein CEO, der sich politisch äußert? Zu einer Bundestagsdebatte? Zum politischen Tagesgeschehen, ohne dass eine unmittelbar auf der Hand liegende Betroffenheit des eigenen Unternehmens gegeben wäre?

Zumindest in Deutschland ist das ein eher seltenes Phänomen. Und auch in diesem Fall hatte Kaeser mit seiner Twitter-Botschaft ein echtes Alleinstellungsmerkmal unter den Dax-Vorständen. Aus allen anderen Führungsetagen kam: Schweigen.

Warum CEOs Stellung nehmen müssen

Was also darf, kann oder muss ein CEO in der politischen Landschaft tun? Um es deutlich zu sagen: Ich meine, CEOs dürfen und können sich nicht nur zum politischen Tagesgeschehen äußern, sie müssen es sogar.

Viele, die dies nicht tun, haben vermutlich Angst, sich in die berühmten Nesseln zu setzen, möglicherweise Kunden zu vergrätzen oder den Aufsichtsrat gegen sich aufzubringen. Alles verständliche Überlegungen, aber für die Rolle und Aufgabe eines CEO doch zu kurz gedacht.

Der CEO ist die erste Führungskraft im Unternehmen. Führungskräfte haben aber nie nur eine ausschließlich unternehmerische, sondern immer auch eine gesellschaftliche, eine gesellschaftspolitische Verantwortung. Wer ernst nimmt, dass man als Unternehmer nicht nur den Shareholdern, sondern weitergehend auch den Stakeholdern verantwortlich ist, kommt nicht daran vorbei, sich auch politisch einzumischen. Dabei geht es richtig verstanden natürlich nicht um billige politische Parteinahme, nicht darum, jeder politischen Sau, die gerade durchs Dorf getrieben wird, blindlings hinterher zu jagen.

Worum es geht, ist Verantwortung. Es geht um die Verantwortung, auf politische und gesellschaftliche Fehlentwicklungen aufmerksam zu machen, die geeignet sind, dem Land und seinen Menschen zu schaden und dies mit dem Wissen, den Informationen und der Erfahrung einer Führungskraft zu tun.

Für Politiker und Journalisten ist es vergleichsweise einfach, derartige Kritik zu üben. Führungskräfte, besonders solche in Spitzenfunktionen, riskieren da schon deutlich mehr. Mehr als bei allen anderen geht es um ihre Position und ihre Reputation. Aber umso glaubwürdiger und gewichtiger werden sie auch wahrgenommen, wenn sie mit persönlichen politischen Stellungnahmen solche Risiken eingehen. Dieser Verantwortung gerecht zu werden, gehört zur Aufgabenbeschreibung eines CEOs.

Warum Schweigen ein Fehler ist

Dass und wie sich Joe Kaeser geäußert hat, ist daher ausdrücklich zu begrüßen. Unabhängig davon, dass die Äußerungen von Alice Weidel schon ethisch zu missbilligen waren, sind für Kaeser zudem handfeste ökonomische Gründe ins Feld zu führen. Er weist zu Recht darauf hin, dass dem Ansehen Deutschlands Schaden zugefügt wurde. Für eine Exportnation wie Deutschland kann das verheerend sein. Wir dürfen gar nicht erst den Eindruck entstehen lassen, dass man in unserem Land ungestraft Menschen wegen ihrer Herkunft oder ihrer Religion diffamieren darf.

Deutschland hat sich mit viel Erfolg seit Ende des Zweiten Weltkriegs global ein positives Image erarbeitet. Dieses zu beschädigen, würde dem Land, seinen Menschen und auch den Unternehmen schaden. Vor diesem Hintergrund hat der CEO eines international agierenden Konzerns allen Grund, sich deutlich zu Wort zu melden. Andere, die geschwiegen haben, hätten ebenso ihre Stimme erheben können und, wenn wir von Verantwortung sprechen, dies auch tun müssen.

Es reicht nicht, im stillen Kämmerlein und in Vorstandsrunden darüber zu sprechen. Führungskräfte in herausgehobener Stellung müssen im In- und Ausland dafür eintreten und dafür werben, dass Deutschland eine offene Gesellschaft ist, die von Toleranz, Vielfalt, Respekt und Wertschätzung geprägt ist. Führungskräfte müssen für eine Willkommens- und Wertekultur stehen und diese stärken. Es genügt nicht, daran zu glauben. Man muss es auch aussprechen und in Zeiten wie diesen immer wieder aussprechen.

Warum Kaeser ein Vorbild ist

Führungskräfte haben insoweit eine Vorbildrolle. Sie können auch öffentlich zeigen: Wer in unseren Unternehmen und mit unseren Unternehmen arbeitet, kann sich auf eine Kultur verlassen, in der nicht diskriminiert und diffamiert wird, sondern in der Unterschiedlichkeit und Vielfalt ausdrücklich als Bestandteil einer Wertegemeinschaft gewünscht ist und gepflegt wird. Das stärkt den Standort Deutschland und sichert Wohlstand und soziale Sicherheit. Dass man damit auch unternehmensintern offene Türen einrennen kann, zeigt eine gemeinsame Verlautbarung von Vorstand, Gesamtbetriebsrat und Sprecherausschuss der Leitenden Angestellten bei Siemens, die sich mit einem klaren Bekenntnis gegen Populismus, Rassismus und Diskriminierung wenden: "Siemens steht für Verständigung und Offenheit und stellt sich gegen jegliche Form von Diskriminierung, Ausgrenzung, Hass und Nationalismus", heißt es in dem Papier.

Derart eindeutige Positionierungen sind nicht nur zu begrüßen. Sie sollten vielmehr Vorbild auch für andere Unternehmen und Konzerne in Deutschland sein. Die CEOs können dabei mit gutem Beispiel vorangehen. Etwas mehr Mut in den Vorstandetagen wäre dabei wünschenswert.

Ulrich Goldschmidt ist Vorstandsvorsitzender des Berufsverbandes "Die Führungskräfte" (DFK) und Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

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