Donnerstag, 26. Mai 2016

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Wirtschaftsweisen-Chef Schmidt "Deutschland braucht bei der Energiewende Druck von außen"

Windpark in Brandenburg: Die Wirtschaftsweisen wollen die Energiewende radikal reformieren

Der Strompreis steigt kaum noch, die Zahlungen für erneuerbare Energien stagnieren trotz Ausbau: Bei der Energiewende ist Besserung in Sicht. Christoph M. Schmidt, Deutschlands oberster Wirtschaftsweiser, will das System dennoch radikal reformieren - und hofft auf Brüssels harte Hand.

mm: Herr Professor Schmidt, Sie sind einer der prominentesten Kritiker der Energiewende. Nun müssen Sie sich wohl ein anderes Thema suchen. Strom in Deutschland wird kaum noch teurer, die Kostenexplosion für Ökoenergie ist gestoppt. Das Schlimmste ist also überstanden.

Schmidt: Davon gehe ich nicht aus. Die EEG-Umlage, der primäre Gradmesser des für die Energiewende eingesetzten Subventionsvolumens, ist ja weiter gestiegen.

mm: Aber an der Börse drückt das große Angebot von Wind- und Sonnenstrom den Preis. Das kompensiert die steigende EEG-Umlage.

Schmidt: Das ist kein Signal, dass sich das System gefestigt hat und wir in den nächsten Jahren sinkende Strompreise sehen werden. Man darf eher mit dem Gegenteil rechnen, mit steigenden Lasten für die Bürger.

mm: Der Versorger RWE sagt etwas anderes. Demnach könnten die Strompreise für Verbraucher nach 2015 nicht mehr steigen, weil der Börsenpreis sinkt und die EEG-Umlage kaum noch steigt.

Schmidt: Aber die Welt bewegt sich ja weiter. Reservekapazitäten müssen ebenfalls finanziert werden, nicht nur Erneuerbare. Und andere Länder bieten ihren Unternehmen weit günstigere Strompreise. Die Kohle erlebt eine Renaissance, konventionelle Energieträger werden tendenziell günstiger. In diesem Wettbewerb muss sich auch die deutsche Energiewirtschaft bewähren. Wenn es ein Jahr gut geht, bedeutet das noch keine Entwarnung. Wir sollten deshalb ein sinnvolleres Subventionsregime aufbauen.

mm: Das von Ihnen gewünschte Quotenmodell (siehe Kasten in der linken Spalte), bei dem der Zubau streng begrenzt ist, hätte vor fünf Jahren womöglich die Kostenexplosion bei der Photovoltaik verhindert. Jetzt lohnt es sich doch nicht mehr, noch ein komplett neues System einzuführen. Halten Sie Ihre Forderung nach dem "Grünstrommodell", wie Sie es auch nennen, aufrecht?

Schmidt: Die Frage ist schon noch, wie man den weiteren Ausbau so kosteneffizient wie möglich gestaltet. Mit jedem Prozentpunkt mehr, den die erneuerbaren Energien an der Stromversorgung erreichen, wird zudem die Sicherheit des bisherigen Systems der Elektrizitätsversorgung weiter infrage gestellt. Es gibt mittlerweile in jedem Winter weit mehr kritische Situationen im Netz als früher. Das sollte bei aller Freude über langsamer als erwartet steigende Preise nicht aus dem Blick geraten.

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