Samstag, 23. September 2017

Neue Rentendebatte nach dem TV-Duell Wer hat Angst vor der Rente mit 70?

SPD-Chef Martin Schulz rang der Kanzlerin im Fernsehduell das Versprechen ab, dass die Rente mit 70 nicht kommt. Damit sind wir beim Thema Alterssicherung endgültig in einen postfaktischen Diskurs eingestiegen. Denn Fakt ist, dass wir immer länger leben. Wenn wir das Rentensystem auch für unsere Kinder nachhaltig finanzierbar halten wollen, müssen wir am System etwas ändern.

Seit Sonntag geht in Deutschland wieder ein Gespenst um - die Rente mit 70. Fürchten Sie sich auch schon? Damit diese Furcht begründet ist, müssten Sie unter 18 Jahre alt sein. Warum gerade 18? Weil von allen heute Wahlberechtigten in fast allen vorgelegten Modellen keiner bis 70 arbeiten muss. Zugegeben, für einige Jahrgänge liegt die Altersgrenze, um den Lebensabend mit vollen Bezügen genießen zu können, knapp darunter. Das Gros der Bevölkerung wird mit der Rente mit 70 jedoch niemals etwas zu tun haben. Nur klingt dies bei Politikern und in den Medien häufig leider anders.

Christian Hagist
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    Christian Hagist ist Professor für Generationen-übergreifende Wirtschaftspolitik an der WHU - Otto Beisheim School of Management.

Schauen wir uns die Fakten einmal an: Die aktuelle Gesetzeslage sieht vor, dass das gesetzliche Renteneintrittsalter bis 2029 auf 67 Jahre steigt. Diese Regelung wurde im Jahre 2006 von der Großen Koalition verabschiedet. Von Gewerkschaften und anderen Parteien wurde sie heftig kritisiert und als versteckte Rentenkürzung gebrandmarkt. Dabei ist diese Reform das genaue Gegenteil - keine heimliche Rentenkürzung, sondern die Verminderung einer verdeckten Erhöhung. Ein einfaches Beispiel verdeutlicht dies:

Angenommen es hätte die Rente mit 67 nie gegeben und die Altersgrenze für den Renteneintritt läge immer noch bei 65 Jahren. Dann wäre ein Mann, der 1950 geboren wurde und sagen wir 40 Jahre gearbeitet hat, 2015 abschlagsfrei in Rente gegangen und würde diese laut den Sterbetafeln des Statistischen Bundesamtes durchschnittlich mehr als 19 Jahre lang genießen können. Der vergleichbare Mann mit der gleichen Karriere, allerdings 1960 geboren, könnte dann 2025 ohne Abschläge in Rente gehen, würde diese aber für 20,5 Jahre ausbezahlt bekommen. Beide haben das Gleiche einbezahlt, der Jüngere bekommt aber deutlich länger Leistungen aus der Rentenversicherung ausbezahlt - mehr als ein Jahr länger. Das entspricht einer deutlichen Rentenerhöhung.

Den Kuchen behalten oder aufessen - beides geht nicht

Da der Trend bei der Lebenserwartung erfreulicherweise nur eine Richtung kennt, kann eine starre Altersgrenze nicht nachhaltig sein. Die Mär, dass eine höhere Produktivität solche impliziten Rentenerhöhungen auffangen könnte, geht ebenfalls nicht auf. Denn steigen Produktivität und in der Folge auch die Löhne, klettern dank der Rentenformel auch die Rentenbezüge. Es gilt somit das schöne amerikanische Sprichwort: "You can't have your cake and eat it, too".

Somit bleibt uns für ein nachhaltiges Rentensystem nichts anderes übrig, als das Renteneintrittsalter zu erhöhen - am besten gekoppelt an den Zugewinn an Lebenserwartung. Denkbar wäre, jedes hinzu gewonnene Jahr im Verhältnis 2,25:1 auf Arbeit und Rentenbezug aufzuteilen. Dies entspricht nämlich ungefähr dem aktuellen Verhältnis von Lebensarbeitszeit und Lebensabend. Von einer solchen Regelung wären alle vor 1964 Geborenen überhaupt nicht betroffen, denn ihr Renteneintritt ist bereits im Rahmen der Rente mit 67 geregelt. Dies sind immerhin etwa 40 Prozent der Bevölkerung und weit über die Hälfte der Wahlberechtigten. Für sie ist ein höheres Renteneintrittsalter als 67 sowieso ausgeschlossen.

Alle anderen Jahrgänge müssten eine längere Erwerbsphase in Kauf nehmen, allerdings in einem moderaten Rahmen. Der Jahrgang 1976 wäre wohl der erste, welcher bis 68 arbeiten müsste, sein zwölf Jahre jüngeres Pendant dann bis 69. Die - heute noch gar nicht wahlberechtigten - im Jahre 2000 geborenen 17-Jährigen wären dann die ersten, die tatsächlich bis 70 zu arbeiten müssten, um eine abschlagsfreie Rente zu erhalten. Aber zur Erinnerung: Ausnahmslos jedes Mitglied dieses Jahrgangs und aller folgenden Jahrgänge würde nicht nur länger arbeiten als seine noch im 20. Jahrhundert geborenen Zeitgenossen - er würde auch länger Rente beziehen. Es handelt sich also wiederum um keine Rentenkürzung.

Eine nicht nachhaltige Lösung ist keine Lösung

Dass längeres Arbeiten nicht nur notwendig, sondern auch möglich ist, zeigen beispielsweise Zahlen des europäischen Statistikamtes. Sie belegen den erfreulichen Trend, dass wir immer gesünder älter werden. Das heißt, der heute 70-jährige ist sehr viel gesünder als es der 70-jährige im Jahr 2000 war. 70 wird das neue 60.

Natürlich wird es Fälle geben, in denen Arbeitnehmer aufgrund von Erkrankungen nicht so lange werden arbeiten können - die gibt es bereits heute. Diesen Menschen werden wir aber nicht mit der gesetzlichen Rentenversicherung helfen können, hierfür ist die Erwerbsminderungsrente zuständig. Und selbstredend setzen manche Jobs eine körperliche Belastbarkeit voraus, welche auch ein gesunder 65-Jähriger nicht mehr erbringen kann. Auch in diesem Fall kann jedoch eine nicht nachhaltig finanzierte Rente nicht die Lösung sein. Vielmehr sind die Tarifpartner gefragt, um für diese Menschen geeignete Karrierepfade zu entwickeln. Die Digitalisierung wird den Arbeitsmarkt ohnehin verändern und Jobs schaffen, die wir heute noch gar nicht kennen - warum nicht auch für 70-Jährige?

Christian Hagist ist Professor für Generationen-übergreifende Wirtschaftspolitik und Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

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