Samstag, 21. April 2018

Debatte über Leitkultur Die "Heimat", die wir brauchen

Nuuk in Grönland.
Mads Pihl/Visit Greenland A/S /dpa
Nuuk in Grönland.

Henrik Müller
manager magazin
Henrik Müller ist Professor für wirtschaftspolitischen Journalismus an der Technischen Universität Dortmund. Zuvor war Müller stellvertretender Chefredakteur des manager magazins.

Der Zeitpunkt ist gut gewählt. Es ist die Jahreszeit, da viele dorthin zurückkehren, wo sie aufgewachsen sind. Andere bekommen Besuch von jenen, die lange fort waren. So oder so, Weihnachten konfrontiert uns mit Heimat. Kindheitserinnerungen werden wach. Wir nehmen die vertraute Umgebung mit neuen Augen wahr. Veränderungen fallen umso stärker auf.

Mit Befremden stellen wir fest, dass die Zeit nirgendwo stillsteht, nicht mal an jenen Orten, die wir für unveränderbar gehalten hatten. Uns wird klar, dass die Zeit keine Pause macht - dass "das Leben keine Replay-Taste" hat, wie der Philosoph Rüdiger Safranski formuliert hat.

So gesehen, wirft uns Weihnachten auf uns selbst zurück. Das Fest der Rituale stellt das Gewohnte in Frage, weil eben nie wieder irgendetwas sein wird, wie es war.

Ausgerechnet in diese Jahreszeit des Besinnens und des Befremdens ist Sigmar Gabriel mit seiner Forderung geplatzt, die Sozialdemokraten sollten sich fortan verstärkt um Heimat und Leitkultur kümmern. Ein Essay, veröffentlicht vorige Woche im SPIEGEL, der Aufsehen erregt hat und Debatten anregt.

Gutes Timing, zweifellos. Es ist Weihnachten, und die abermals in eine Große Koalition gedrängte Sozialdemokratie ist, wie so häufig, im verunsicherten Zustand der Selbstzweifel verstrickt.

Der nächste GroKo-Deal - und was bleibt danach von der SPD? Verliert sie dann vollends die Verbindung zum unbehaglichen Bauchgefühl vieler Bürger?

Man kann Gabriels Text als Aufruf verstehen, das Vertraute und das Kleinräumige zu verteidigen gegen das Fremde und das Globale. Man kann ihn lesen als Versuch, sich konservative Begriffe anzueignen. Als Auftrag, die öffentliche Gefühlssphäre von den Ganzrechten im populistischen Lager zurückzuerobern. Als Bemühen, eine neue linke Sprache zu finden, die emotional aufgeladen ist und dadurch mehr zu bieten hat als die üblichen sozialdemokratischen Forderungen nach ein paar technokratischen Reformen am großen, kalten Sozialstaat.

Einerseits ist Gabriels Ansinnen verständlich. Andererseits endet sein Essay gerade dort, wo es spannend wird.

Ein Aufruf gegen die Mutlosigkeit

Wir sollten uns vor falschen Gegensätzen hüten. Heimat und Globalisierung schließen sich keineswegs wechselseitig aus - sie bedingen einander. Ohne Patriotismus ist eine offene Wirtschaftsordnung kaum vorstellbar. Ohne selbstbewusste kollektive Identität sind Gesellschaften kaum handlungsfähig.

Es ist fast zwölf Jahre her, seit ich versucht habe, diese Thesen rational zu begründen. Im Frühjahr 2006 erschien das Buch "Wirtschaftsfaktor Patriotismus. Vaterlandsliebe in Zeiten der Globalisierung". Die Begriffe waren bewusst gewählt, und sie waren als Provokation gemeint. "Patriotismus" und "Vaterlandsliebe" gehörten damals nicht zum Sprachgebrauch. Das Buch kam in eine Zeit, als die Bundesbürger sich noch in einem unaufhaltsamen Abstieg gefangen sahen.

Deutschland war damals ausgezehrt: fünf Millionen Arbeitslose, das schwächste Wachstum in Europa, große Löcher im Staatshaushalt. Schwarzrotgoldene Fahnen schwenkten Mitte der Nullerjahre nur Rechtsausleger (was sich allerdings im Sommer jenes Jahres beim Fußball-WM-Sommermärchen schlagartig ändern sollte). Das Buch war eine nüchterne Analyse zur mental-ökonomischen Lage der Nation. Und es war, nebenbei, ein zorniger Aufruf gegen die damals verbreiteten Untergangsgefühle.

Buchtipp

Henrik Müller
Nationaltheater:
Wie falsche Patrioten unseren Wohlstand bedrohen.

Campus Verlag; Februar 2017; 224 Seiten; 19,95 Euro

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Seither hat sich eine Menge verändert. Der Nationalismus ist weltweit auf dem Vormarsch. Falsche Patrioten sind dabei, die offene Weltordnung einzureißen. 2017 ist das Jahr, in dem Großbritannien formal seinen EU-Ausstieg eingeleitet hat, Donald Trump ins Weiße Haus eingezogen ist, Xi Jinping beim KP-Parteikongress China auf einen stramm patriotischen Kurs getrimmt hat, in Österreich die FPÖ in die Regierung gelangt und in Deutschland erstmals eine Rechtspartei in den Bundestag gekommen ist. Die Liste ließe sich verlängern.

Falscher Patriotismus, weil sich all diese Figuren nicht zuvörderst darum scheren, das Wohlergehen ihrer eigenen Bevölkerung zu sichern, sondern weil es ihnen zuallererst um Abgrenzung gegenüber inneren und äußeren Gegnern geht. Dafür nehmen sie immense Risiken in Kauf - nicht nur, weil internationale Fragen sich in unkooperativem Klima kaum beantworten lassen, sondern auch sie sich unmittelbar selbst schaden.

Die ersten Brexit-bedingten Wohlstandseinbußen in Großbritannien illustrieren den Holzweg, auf dem sich große Teile der Welt befinden. Ganze Nationen handeln gegen ihre langfristigen Interessen. Vernünftig ist das nicht. Doch im großen Nationaltheater geht es vor allem ums Drama, nicht ums Happy End.

Wie also sollten wir es mit der Heimat halten?

Hier sind drei Thesen:

These 1: Eine vollständig globalisierte Gesellschaft wäre nicht funktionsfähig. Wenn alle ständig umzögen - von einer Region zur anderen, von einem Land zum anderen -, dann gäbe es niemanden, der langfristig investiert. Es wäre kaum möglich, Bildung, Kultur, soziale Werte und Normen voranzubringen. Denn all das braucht Zeit, teils viele Generationen.

In der Menschheitsgeschichte entstehen erste Hochkulturen, nachdem Homo sapiens sesshaft wurde. Wer eine Verbindung zu seiner Heimat empfindet, ist eher bereit, in Kultur, Gesellschaft und Wirtschaft zu investieren, als jemand, der sich nur auf der Durchreise befindet.

These 2: Wer seine Heimat abschirmt, der wird sie verlieren. Die Herausforderung für die Sesshaften besteht darin, die Mobilen zu halten und leistungsfähige Leute von anderswo anzulocken. Eine Gesellschaft, die sich gegen das Fremde und die Fremden per se abschottet und die zudem geringe Geburtenzahlen hat, steuert auf einen demographischen Niedergang zu. Die Bevölkerung schrumpft und überaltert. Investitionen unterbleiben.

Auch für die gutausgebildeten jüngeren Einheimischen gibt es dann kaum Möglichkeiten zu bleiben. Viele osteuropäische Länder erleben diese Abstiegsdynamik bereits heute, auch ländliche Gebiete in Deutschland. Großbritannien könnte im Zuge des EU-Ausstiegs, der ja vor allem auf eine Verminderung der Zuwanderung abzielt, auf eine ähnliche Entwicklung zusteuern.

Wer Heimat als Ort begreift, an dem sich am besten nichts verändern soll, wer eine Leitkultur etabliert, die ausgrenzt statt einbezieht, der wird mit großer Wahrscheinlichkeit die Bedingungen für die Sesshaften zum Schlechteren verändern.

These 3: Heimat hat mit Staat wenig zu tun. Das Bedürfnis nach Verwurzelung und Herkunft bezieht sich auf kleine Räume, auf einzelne vertraute Orte und Regionen. Der Nationalstaat als ganzer taugt nicht als Heimat. Zu groß, zu unpersönlich. Heimat ist etwas Gefühltes - Staaten hingegen sollten von Vernunft gesteuert sein. Aber auch sie brauchen einen emotionalen Kitt, ein positiv gestimmtes Wir-Gefühl, damit Gesellschaften in der Lage sind, gemeinsam zu handeln, Solidarität zu üben, das Recht einzuhalten, Minderheiten zu schützen.

Das Problem mit dem Nationalstaat besteht darin, dass sich viele Probleme nicht mehr auf nationaler Ebene lösen lassen - und zwar erst recht nicht in einer Welt der zunehmend rücksichtslos agierenden Großstaaten (USA, China, Russland…).

Emmanuel Macron, der französische Präsident, hat deshalb völlig recht, wenn er ein Europa bauen möchte, das die Bürger besser beschützt. Dazu braucht es eine europäische Leitkultur , ohne die der Ausbau Europas zu einem rational verfassten Gemeinwesen, das in der Lage ist, seine Bürger auch in Zukunft zu beschützen, kaum zu haben sein wird.

In diesem Sinne wünsche ich ein heimeliges, optimistisch gestimmtes Weihnachtsfest!

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