Freitag, 24. November 2017

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Deutschlands Wirtschaft vor der Überhitzung Wie Deutschlands Wirtschaft jetzt abgekühlt werden muss

Gerüstbauer in Hamburg.

Jetzt ist es amtlich: Deutschlands Wirtschaft droht eine Überhitzung. Das sollte die gesamte wirtschaftspolitische Agenda auf den Kopf stellen.

Es sind eigenartige Zeiten. Eine Million Arbeitsplätze in Deutschland sind unbesetzt; es gebe einfach nicht genug geeignete Bewerber, sagen die Unternehmen. Im Radio, auf Plakaten, im Netz - überall buhlen Firmen um neue Mitarbeiter. Nie seit der Wiedervereinigung war die Nachfrage nach Beschäftigten so groß. Nie war die Arbeitslosenquote so niedrig.

Die ganze Wirtschaft ist in Schwung: Der Bau boomt. Der Export brummt. Viele Deutsche gehen shoppen. Die Stimmung bei den Unternehmen ist rekordverdächtig gut. Dienstag gibt's neue Zahlen zum Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) in der Bundesrepublik, der EU und der Eurozone.

Deutschland stecke in einem Überhitzungsszenario, warnt jetzt der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung ("Fünf Weise"). Eine Diagnose, die wir an dieser Stelle schon mehrfach diskutiert haben.

Inzwischen ist der Befund unter Ökonomen fast ein Allgemeinplatz: Deutschlands Wirtschaft ist im Begriff zu überhitzen. Entsprechend sollten sich die wirtschaftspolitischen Prioritäten radikal verändern. Nur im politischen Raum und bei den Gesprächen der schwarzgelbgrünen Möchtegern-Koalitionäre ist davon kaum die Rede.

Aber irgendetwas fehlt. Dieser Boom weist Eigenartigkeiten auf, die es in früheren Aufschwungphasen nicht gab.

Früher gab's mehr Überschwang

Eigentlich sollte die Inflation jetzt deutlich anziehen. Tut sie aber nicht. Die Konsumentenpreise steigen nur verhalten, ebenso die Löhne. Die Verschuldung der Bürger und Unternehmen hält sich im Rahmen, trotz des starken Anstiegs der Immobilienpreise und der Bautätigkeit. Und obwohl die Zinsen nach wie vor extrem niedrig und die Aussichten glänzend sind - auch im übrigen Euroraum läuft die Konjunktur warm - investieren die Unternehmen relativ wenig.

Entwicklungen, die insbesondere aus der engen internationalen Verflechtungen herrühren: Offene Grenzen lindern Engpässe auf dem Arbeitsmarkt. Millionen EU-Bürger sind in den vergangenen Jahren nach Deutschland gekommen. Das begrenzt den Lohnauftrieb (achten Sie auf den Beginn der Metall-Tarifverhandlungen in NRW am Donnerstag). Ähnlich auf den Gütermärkten: Selbst eine übersprudelnde Nachfrage lässt sich aus dem üppigen globalen Warenangebot bedienen. Das begrenzt den Preisauftrieb.

Und was die Investitionen betrifft, so ist die schwache Dynamik in Deutschland auch eine Folge des großen Auslandsengagements; in Relation zum Sozialprodukt liegen die Direktinvestitionen rund 15 Prozent höher als zur Jahrtausendwende. Global agierende deutsche Unternehmen bauen Kapazitäten auf ihren Absatzmärkten aus, wohl auch, weil sie befürchten müssen, nicht ewig aus Deutschland heraus exportieren zu können - der globale Protektionismuswahn lässt grüßen.

Der schwache Lohn- und Preisauftrieb und die mauen Investitionen verändern die Wahrnehmung der Konjunktur. Der jetzige Boom fühlt sich nicht an wie ein Boom. Früher gab's mehr Überschwang.

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