Donnerstag, 24. Mai 2018

Top-Ökonom über Integration "Wir müssen aufhören, uns das Bildungsniveau der Flüchtlinge schönzureden"

Aus Syrien kommen überwiegend Akademiker nach Deutschland? Stimmt nicht, sagt Bildungsforscher Ludger Wößmann. Er hat das Bildungsniveau von Flüchtlingen analysiert und klare Forderungen an die Politik.

Herr Wößmann, im vergangenen Jahr hat Deutschland rund eine Million Flüchtlinge aufgenommen. Viele Politiker und Wirtschaftsvertreter hoffen, dass sie unser Fachkräfteproblem lösen. Ist das realistisch?

Ludger Wößmann: Ich fürchte nicht. Es hängt letztlich davon ab, mit welcher Bildung und Ausbildung die Flüchtlinge bei uns ankommen. Richtig gute Daten gibt es darüber nicht. Aber was wir wissen, deutet eher darauf hin, dass ein großer Teil der Flüchtlinge nicht als Fachkraft arbeiten kann. Denn sie bringen nicht das nötige Bildungsniveau mit.

Was sind das für Daten, auf die Sie sich beziehen?

Wößmann: Man kann sich anschauen, welche Menschen in den Jahren vor der Flüchtlingskrise zu uns gekommen sind. Diese Daten deuten darauf hin, dass nur grob zehn Prozent der Flüchtlinge einen Hochschulabschluss haben. Zwei Drittel haben vermutlich gar keinen berufsqualifizierenden Bildungsabschluss. Die von den Medien häufig genannten Ärzte aus Aleppo sind die Ausnahme. Außerdem gibt es internationale Vergleichsstudien wie den PISA- oder den TIMSS-Test, bei denen mathematisch-naturwissenschaftliche Fähigkeiten abgefragt werden. Daran hat Syrien noch kurz vor dem Bürgerkrieg teilgenommen.

Mit welchem Ergebnis?

Wößmann: 65 Prozent der Teilnehmer in Syrien kommen nicht über absolute Grundkompetenzen hinaus - in Deutschland liegt dieser Wert bei gerade einmal 16 Prozent. Das sind generell diejenigen, die später sehr große Probleme auf dem Arbeitsmarkt haben. Albanien schneidet ähnlich schlecht ab, andere Herkunftsländer haben gar nicht teilgenommen. Daten über Alphabetisierungsquoten deuten aber darauf hin, dass das Bildungsniveau etwa in Afghanistan sogar noch schlechter ist. Wenn die Flüchtlinge auch nur annähernd den Durchschnitt der Bevölkerung in ihrer Heimat spiegeln, haben sie damit ein deutlich schlechteres Bildungsniveau als die Menschen in Deutschland.

Ludger Wößmann
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    Ludger Wößmann, geboren 1973, ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Ludwig-Maximilians-Universität München und leitet das ifo Zentrum für Bildungsökonomik. Er ist Vorsitzender des Bildungsökonomischen Ausschusses des Vereins für Socialpolitik.

Die Flucht ist teuer - kriminelle Schlepper verlangen viel Geld dafür, die Menschen nach Europa zu bringen. Haben also nur die Wohlhabenden und damit die gut Ausgebildeten überhaupt die Möglichkeit zu fliehen?

Wößmann: Wir wissen, dass politische Flüchtlinge durchaus einen höheren Bildungsgrad haben. Aber bei denjenigen, die vor Krieg und Zerstörung flüchten - und das zeigen alle bisherigen Erhebungen - ist das eher nicht der Fall. Sie sind eher der Durchschnitt der Bevölkerung.

Das Flüchtlingswerk der Vereinten Nationen kommt zu einem anderen Schluss: Es hat an der griechisch-türkischen Grenze Flüchtlinge befragt. Das Ergebnis: Die Hälfte von ihnen sind Studenten oder Hochschulabsolventen.

Wößmann: Ich bezweifele, dass das eine repräsentative Stichprobe ist. Solche Befragungen sind eben keine wissenschaftlichen Erhebungen. Es kann etwa sein, dass vor allem die besser ausgebildeten Flüchtlinge bereit sind, dort Auskunft zu geben.

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