Freitag, 16. November 2018

Top-Ökonom über Integration "Wir müssen aufhören, uns das Bildungsniveau der Flüchtlinge schönzureden"

2. Teil: Verzerrter Blick auf das Bildungsniveau von Flüchtlingen

Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge befragt alle ankommenden Flüchtlinge. Aus diesen Zahlen geht hervor, dass immerhin jeder vierte von ihnen studiert und die Hälfte ein Gymnasium besucht hat. Stimmt das etwa auch nicht?

Wößmann: Das sind Selbstauskünfte, es sind keine tatsächlich erhobenen Kompetenzen. Da geben die Menschen oft mehr an, weil sie hoffen, dass sie bessere Chancen bekommen. Darüber hinaus ist die Befragung freiwillig, und nur rund die Hälfte hat überhaupt geantwortet - das dürfte die Angaben deutlich verzerren. Außerdem beziehen sie sich auf den Besuch, nicht aber den Abschluss eines Bildungsganges. Und schließlich gibt es Unterschiede bei der Qualität der Bildung. Das Bildungsniveau syrischer Schüler beispielsweise liegt im Durchschnitt vier bis fünf Jahre hinter dem deutscher Schüler zurück.

Reicht das nicht aus für eine Ausbildung als Altenpfleger oder Elektriker?

Wößmann: Wir dürfen uns da keinen Illusionen hingeben. Es gibt Zahlen der Handwerkskammer für München und Oberbayern, die zeigen, dass 70 Prozent der Menschen aus Syrien, Afghanistan und dem Irak ihre Berufsausbildung innerhalb von zwei Jahren abgebrochen haben. Es wird also für viele schwierig sein, auf dem Arbeitsmarkt anzukommen.

Ist es also unvermeidbar, dass die Flüchtlinge zu einer wirtschaftlichen Belastung werden?

Wößmann: Die Flüchtlinge werden möglicherweise langfristig kein wirtschaftlicher Gewinn für Deutschland sein. Aber das ist auch nicht die Frage. Die Frage ist eine rein humanitäre: Diese Menschen werden in ihrer Heimat verfolgt und deswegen sollten wir sie aufnehmen. Aber wir müssen uns darüber klar werden, wer da zu uns kommt - und aufhören, uns das Bildungsniveau der Flüchtlinge schönzureden.

Etwa ein Viertel der Flüchtlinge sind Kinder. Kann diese Generation denn nicht dazu beitragen, unsere demographischen Probleme zu lösen?

Wößmann: Das ist die große Hoffnung. Aber dafür müssen wir in Deutschland einige Dinge im Schulsystem besser machen. Deutschland gehört zu den Ländern, in denen die PISA-Leistungsunterschiede zwischen einheimischen Kindern und Kindern mit Migrationshintergrund besonders groß sind.

Wie kann man diese Lücke schließen?

Wößmann: Das Wichtigste ist, und das zeigt auch die Forschung, dass die Kinder möglichst schnell einen täglichen sprachlichen Austausch mit Kindern ohne Migrationshintergrund haben. Bis zum Alter von zehn bis elf Jahren erlernen Kinder eine Sprache am besten, wenn sie sofort in normalen Regelklassen mit vielen einheimischen Kindern untergebracht werden. Wenn wir die Flüchtlinge gleichmäßig auf Deutschland verteilen, käme aktuell ein Flüchtlingskind auf etwa zwei Klassen. Das würde die Schulen nicht überfordern.

Dann müsste also demnächst auch in jedem Dorf eine Flüchtlingsfamilie leben. Ist so eine Verteilung überhaupt möglich?

Wößmann: Gerade in kleinen Orten finden sich häufig sehr engagierte Helfer, die die Integration erleichtern. Eine gleichmäßigere Verteilung würde der Integration sehr helfen und Ghettoisierung verhindern. Ich halte das zumindest grundsätzlich durchaus für möglich.

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