Sonntag, 18. November 2018

Länger arbeiten Nieder mit dem sozialistischen Einheitsbrei!

Stahlarbeiter in einer Produktionshalle der Brandenburger Elektrostahlwerke - gesunde Menschen Anfang 60 sind voll leistungsfähig und möchten meist noch garnicht in Rente gehen

Renten-Diktat und unternehmensinterne Regeln drängen Menschen jenseits der 60 in den Ruhestand. Dabei sind die nicht nur erfahren, sondern sprühen oft auch vor Ideen und Tatkraft. Höchste Zeit für ein Umdenken.

Medikamente werden heute eigens für jeden Kranken zusammengestellt. Autos lassen sich beim Kauf nach persönlichen Vorlieben konfigurieren. Müslis werden so gemischt, wie sie individuell am besten munden. Es gibt Coca-Cola mit dem Vornamen des einzelnen Käufers auf der Flasche. Was das Herz begehrt oder die Mode fordert, lässt sich inzwischen persönlich gestalten: Nicht nur die Playlisten auf dem MP3-Gerät, sondern auch Wollmützen, T-Shirts oder Turnschuhe.

Für nahezu alles gibt es inzwischen maßgeschneiderte Lösungen, sogar für Arbeitszeit und Erwerbsformen, bloß nicht für den Renteneintritt. Hier regiert immer noch eine geradezu vormoderne Uniformität. Die Biografien werden immer bunter, im europäischen Arbeitsmarkt herrscht Freizügigkeit, Menschen wechseln Länder, Berufe und Branchen - nur wenn es um die Frage geht, wann wir aufhören sollen, gilt Gleichmacherei.

Und die einzig brauchbare Idee in diesem jüngsten Rentenreformprozess, die Flexi-Rente, die das Weiterarbeiten auch nach dem offiziellen Rentenalter erleichtern soll, wurde in eine Arbeitsgruppe abgeschoben. Dort dient sie nun als politische Plattform für allerlei Profilierungssucht, die in die falsche Richtung weist. Geht es beispielsweise nach dem Deutschen Gewerkschaftsbund, sollen Arbeitnehmer bereits ab 60 Jahren in den Ruhestand wechseln oder eine Teilrente beziehen können.

Erfahrung weitertragen

Erstaunlicherweise ist bei der Frage nach der Pensionierung nicht nur der Staat auf das sozialistische Einheitsgebot abonniert, auch viele Unternehmen schreiben ihren Vorständen vor, wann sie aufhören müssen. Mit 60 ist Schluss, spätestens mit 65. Dabei ist die Öffnung der rigiden Systeme längst überfällig. Nicht nur, weil die Lebensentwürfe und die Leistungsfähigkeit der Menschen höchst individuell daher kommen, sondern auch, weil es Vergeudung ist, topfite Führungskräfte nach Hause zu schicken. Gesunde Menschen Ende 50, Anfang 60 sind voll leistungsfähig und außerdem haben viele in diesem Alter überhaupt noch keine Lust, hauptberuflich die Golfschläger zu schwingen, Rosen zu pflegen oder Enkel zu betüddeln.

Warum wird oft so getan, als sei Arbeit eine Zumutung? Für viele Menschen ist ihr Job Berufung, Erfüllung, Freude und Spielfeld in einem. Im Übrigen waren die Entscheider in vielen Branchen und Positionen noch nie nur 37,5 Stunden die Woche in Büro oder Werkshalle. Viele arbeiten regelmäßig auch länger - und würden das auch gerne über den 63. Geburtstag hinaus tun.

Das heißt aber nicht, dass Vorstände kein Verfallsdatum hätten. Einmal CEO, immer CEO ist kein gesundes Motto, weder für die Führungskraft noch für das Unternehmen. Dennoch sollten leistungsfähige, agile Menschen jenseits der 60 noch einen Job annehmen können, wenn sie als Vorstand, Geschäftsführer, Berater oder Berufsaufsichtsrat ihre Erfahrung weitertragen wollen. Besonders dann, wenn sie mit dem Arbeitgeber vereinbaren, dass ab einem bestimmten Alter das Kündigungsrecht auf Seiten des Unternehmens liegt. So braucht sich kein Personaler zu fürchten, dass er sich irgendwann mit senilen, aber renitenten Herren herumschlagen muss.

Lust auf Leistung

In der Frauenfrage haben es die intelligenten Organisationen längst verstanden: Gemischte Teams sind leistungsfähiger, intelligenter, weniger krisenanfällig und wirtschaftlich erfolgreicher. Diversity heißt aber auch, Jung und Alt sowie In- und Ausländer clever zu mischen.

Das beste Argument liefert jedoch die Demografie. Wird an der Zwangsverrentung festgehalten, werden in den kommenden Jahren Unmengen erfahrene Leute der Baby-Boomer-Generation die Unternehmen verlassen. Und das, obwohl in vielen Betrieben jetzt schon Mangel an talentiertem, gut ausgebildetem Nachwuchs herrscht.

In vielen Betrieben wird heute sehr ernsthaft darüber nachgedacht, wo künftig die intelligenten, unternehmerisch denkenden, belastbaren Entscheider herkommen sollen. Bei der Suche nach Potential Frauen zu fördern und mehr Ausländer zum Studium an unseren Unis zuzulassen oder bereits gut ausgebildete Fremde ins Land zu holen, ist nur ein Weg zum Ziel. Die vorhandenen Leute, die Lust auf Leistung haben, um mehr Input zu bitten, ein anderer.

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