Montag, 23. April 2018

Sind wir ein offenes Land? Warum die Konkurrenz um Zuwanderer zunimmt

Zuwanderung: Wir sind zu defensiv

Zwischen Überfremdungsängsten und Fachkräftemangel: Worum es in der Zuwanderungspolitik wirklich gehen sollte. Der Wettbewerb um fähige Migranten wird schärfer.

Wir sind viel zu defensiv. Der Fokus liegt auf Abwehr, aber das genügt nicht. Wenn in Deutschland über Zuwanderung debattiert wird, dann ist vor allem von "begrenzen" die Rede, von "überfordern" und "fordern", wie es an verschiedenen Stellen des schwarzroten Koalitionsvertrags heißt.

So klingt Politik im Sound der Neunziger. Damals veränderte der rapide Zuzug von Asylbewerbern in den Jahren 1991/92 das gesamte politische Klima. Eine vernunftgesteuerte Zuwanderungspolitik war daraufhin kaum noch diskutierbar, fast ein Jahrzehnt lang. Die realen Folgen ließen sich wenig später besichtigen: In den Nullerjahren schrumpfte zeitweise die Einwohnerzahl - weil immer weniger Leute einwanderten und immer mehr abwanderten.

Erst seit 2010 hat die Zuwanderung wieder Größenordnungen erreicht, sodass die Bevölkerung und die Zahl der Erwerbstätigen gewachsen ist. Mit Ausnahme des Krisenjahres 2015 geht es dabei nicht überwiegend um Flüchtlinge und Asylbewerber, sondern um Europäer, die nach Deutschland kommen, weil sie hierzulande einen Job haben. Um es klar zu sagen: Der deutsche Aufschwung der vergangenen Jahre (achten Sie Donnerstag auf die neue Prognose der Wirtschaftsforschungsinstitute) war vor allem von der wachsenden Erwerbsbevölkerung getrieben, nicht von dynamischen Investitionen oder sprunghaft steigender Produktivität.

Henrik Müller
manager magazin
Henrik Müller ist Professor für wirtschaftspolitischen Journalismus an der Technischen Universität Dortmund. Zuvor war Müller stellvertretender Chefredakteur des manager magazins.

Ganz nüchtern betrachtet, sind wir auf Zuwanderung angewiesen. Aber wir tun so, als könnten wir auf ewig damit rechnen, dass viele Millionen Menschen zu kommen wollen, dass wir uns ihrer erwehren müssen.

"Cool Germany" - wirklich?

Deutschland ist ein offenes Land. So sieht es jedenfalls von außen aus. "Cool Germany", titelte die britische Zeitschrift "Economist" am Freitag. Die Bundesrepublik werde immer bunter und könne "ein Modell für den Westen werden". Von innen betrachtet stellt sich die Sache anders da: Da gebe es "berechtigte Sorge" und "übertriebene Angst" vor einer wachsenden islamisch geprägten Migrantenbevölkerung, wie der SPIEGEL diese Woche in seiner Titelstory schreibt: "Ist das noch mein Land?"

So ist die Lage: unübersichtlich.

Doch, Deutschland ist ein offenes Land. Das lässt sich mit Zahlen belegen. 1 865 000 Menschen zogen 2016 her, 1 365 000 gingen fort; Zahlen für 2017 liegen noch nicht vor. Das ist ein Zuwanderungssaldo von einer halben Million Menschen. Man kann - und muss - darüber reden, wer in Zukunft zu uns kommen soll, wie Integration besser gelingen kann, wie man womöglich künftige Zuwanderergenerationen schon in ihren Herkunftsländern auf den deutschen Arbeitsmarkt vorbereiten kann.

Doch die Flüchtlingskrise hat die Perspektive völlig verschattet. Die Debatte geht wild durcheinander. Es wird nicht mehr unterschieden zwischen Menschen, die aus humanitären Gründen kommen, und EU-Bürgern und Leuten aus anderen Ländern, die hierzulande arbeiten. Entsprechend ist seit einiger Zeit von einer "Obergrenze für Zuwanderung" die Rede, auch wenn eigentlich nur die Flüchtlingszuwanderung gemeint ist.

Die Krise, der Schock und die Sache mit der Vernunft

Die Ereignisse des Jahres 2015 - und der folgende Aufstieg der AfD - haben vielen Bürgern, vor allem aber den regierenden Parteien offenkundig einen derartigen Schock versetzt, dass eine rationale Diskussion über eine arbeitsmarktorientierte Zuwanderungspolitik kaum noch möglich ist. Zugegeben, in anderen westlichen Ländern ist das ähnlich. Aber das sollte uns weder zufriedenstellen noch beruhigen.

Verschämt findet sich das Thema im schwarzroten Koalitionsvertrag. Völlig richtig heißt es dort: "Unser Land braucht geeignete und qualifizierte Fachkräfte in großer Zahl." Und der "Bedarf" werde "voraussichtlich in den nächsten Jahren aufgrund unserer guten wirtschaftlichen Entwicklung und wegen der rückläufigen Zahl junger Menschen, die neu ins Erwerbsleben eintreten, weiter steigen". Aber es ist nur eine kurze Passage, eine halbe Seite in einem 175 Seiten langen Papier, die sich mit der "Erwerbsmigration" befasst. Wie das konkret funktionieren soll, bleibt offen. Typisch: Der Vertrag vermeidet das Wort Einwanderungsgesetz. Stattdessen spricht er umständlich von einem "Regelwerk zur Steuerung von Zuwanderung in den Arbeitsmarkt".

Den Herausforderungen, vor denen Deutschland in den kommenden Jahrzehnten steht, wird das ganz und gar nicht gerecht. Insbesondere geht es um diese Punkte:

Verschärfte Konkurrenz um Zuwanderer

Erstens, der Wettbewerb um qualifizierte Zuwanderer dürfte sich im kommenden Jahrzehnt massiv verschärfen, wie neue Berechnungen des Internationalen Währungsfonds (IWF) zeigen, die der Fonds anlässlich der Frühjahrstagung (ab Montag) vorgelegt hat. Bislang sind die Altersstrukturen in den westlichen Ländern noch relativ stabil. Aber das wird sich in wenigen Jahren rapide verändern: Der Bevölkerungsanteil der Älteren wird sich in den kommenden drei Jahrzehnten gegenüber heute in etwa verdoppeln. Es ist absehbar: Viele Länder, die derzeit auf Abschottungskurs sind - darunter die USA und Großbritannien - dürften bereits in den 2020er Jahren heftig um Zuwanderer werben.

Zweitens, Deutschland braucht künftig viel mehr Zuwanderer als in den Jahrzehnten zwischen 1950 und 2010. Der Zuzug in den Arbeitsmarkt müsste in den kommenden drei Jahrzehnten etwa doppelt so hoch liegen wie in den ersten sechs Nachkriegsjahrzehnten, hat eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) und der Bertelsmann Stiftung vorgerechnet hat. Früher verzeichnete Deutschland im Durchschnitt eine Nettozuwanderung (Zuzüge minus Fortzüge) von 200 000 Menschen. Künftig werden es 400 000 bis 500 000 sein müssen, also etwa wie im Jahr 2016.

Drittens, die Integration künftiger Zuwanderer dürfte schwieriger werden als in der Vergangenheit, weil sie aus kulturell weiter entfernten Ländern stammen werden. Bisher kommen überwiegend Menschen aus der europäischen Nachbarschaft zu uns. Doch die dortigen demographischen Aussichten sind ähnlich trübe wie in Deutschland: Künftig wird es dort an wanderungswilligen Jungen mangeln. Deshalb muss Deutschland seinen Zuwanderungsbedarf mehr und mehr in "Drittstaaten" decken, also in Ländern mit wachsenden Bevölkerungen, wovon es allerdings gar nicht mehr so viele gibt. Insbesondere geht es um Afrika südlich der Sahara, Indien und Pakistan. Umso mehr sind Staat, Wirtschaft und Gesellschaft gefordert, diese Herausforderung systematisch und langfristig vorausschauend anzugehen. Nach allen Erfahrungen wird dies umso besser gelingen, je reibungsloser die Integration in den Arbeitsmarkt klappt.

Viertens, mit Zuwanderung allein werden sich die demographischen Probleme, die auf Deutschland und viele andere Länder zukommen, nicht lösen lassen. Aber Zuwanderung kann einen Beitrag leisten. Andere bevölkerungspolitische Optionen jedenfalls sind entweder illusionär - auch ein sprunghafter Anstieg der Geburten pro Frau ist weder zu erwarten noch würde er die Bevölkerungszusammensetzung in den nächsten Generationen maßgeblich verändern - oder die Potenziale sind bereits weitgehend ausgereizt: Zwischen 2008 und 2016, so die IWF, ist die Erwerbsbeteiligung in Deutschland bereits so stark gestiegen wie in keinem anderen Land. Eine Entwicklung, die praktisch alle Bevölkerungsgruppen, Frauen, Männer, Ältere, betrifft.

Die Arbeitszeiten lassen sich nicht unendlich ausweiten.

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