Donnerstag, 28. Juli 2016

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Nach Kölner Übergriffen - die große Sprachlosigkeit in Politik und Wirtschaft Warum wir die Dinge nicht mehr beim Namen nennen

Polizisten vor dem Kölner Hauptbahnhof: Die sexuellen Gewalttaten in der Silvesternacht haben die Republik schockiert. Die Wahrheit über das Geschehen kommt nur scheibchenweise heraus

Die Wahrheit über die sexuellen Gewalttaten von Köln kommt nur langsam heraus. Medienrecherchen, ein interner Polizeibericht und Zeugenaussagen scheinen zu bestätigen, dass bezüglich der tatsächlichen Geschehnisse in der Silvesternacht die Dinge nicht beim Namen genannt werden sollten.

Dass unter den Tätern Flüchtlinge gewesen sein sollen, wurde der Öffentlichkeit zunächst verschwiegen. Sollte sich herausstellen, dass Menschen, die wir in den letzten Monaten mit ausdrücklicher Unterstützung der Kanzlerin sowie vieler Ehrenamtlicher in unserem Land willkommen geheißen haben, Täter waren, wäre das ein Wasserfall auf die Mühlen der Gegner der aktuellen Flüchtlingspolitik.

Die Aufregung darüber, dass in Köln Informationen gefiltert kommuniziert wurden, ist absolut nachvollziehbar. Allerdings handelt es sich weder um ein neues, noch um ein ungewöhnliches Phänomen.

Vor allem bei individuellen Verfehlungen, bei Vorkommnissen von öffentlichem Interesse und bei Themen, die ohnehin kontrovers diskutiert werden, halten es längst auch die Chefetagen der Wirtschaft so, dass nicht alle Facetten eines Ereignisses von Anfang an in die Öffentlichkeit getragen werden. Beispiele gibt es genug, sie reichen von Uli Hoeneß bis Volkswagen Börsen-Chart zeigen .

Irina Kummert
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    Irina Kummert ist Präsidentin des Ethikverbands der Deutschen Wirtschaft, Mitglied des DVFA Ethik Panels unter Leitung von Julian Nida-Rümelin sowie Mitglied des Arbeitskreises Wirtschaft & Soziales beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken. Seit 2003 ist sie Geschäftsführende Gesellschafterin der Personalberatung IKP Executive Search in Berlin.
In beiden Fällen kamen scheibchenweise immer neue Aspekte ans Licht, durch die sich die öffentliche Einschätzung im Hinblick auf handelnde Personen und die Tragweite der jeweiligen Causa veränderten. Je mehr pikante Details bekannt wurden, desto größer wurde das Interesse der Allgemeinheit und desto massiver die jeweilige Eskalationsstufe der öffentlichen (Vor-) Verurteilung.

Genau das könnte ein Auslöser dafür sein, dass immer mehr Verantwortungsträger sich im Ernstfall dagegen entscheiden, alles zu sagen, was sie wissen.

Der Begriff "Shitstorm" wurde 2012 noch zum Anglizismus des Jahres gewählt. Zwischenzeitlich sind aus der internetgestützten Lynchjustiz sogar neue Geschäftsmodelle für Psychologen und Juristen erwachsen, weil immer mehr Menschen immer weniger damit zurechtkommen, öffentlich am Pranger zu stehen und sich kaum dagegen wehren zu können. Die Reputation einer Person hängt in unserer Gesellschaft nicht mehr davon ab, ob jemand für ein Vergehen strafrechtlich verurteilt und damit eine Schuld anhand von Fakten juristisch zweifelsfrei festgestellt wurde.

Umfassende moralische Verurteilung ganzer Branchen

Entsprechend groß ist die Angst vor dem Paukenschlag einer öffentlichen Reaktion, die gelegentlich einer moralischen Hinrichtung gleichkommt und nicht selten einen irreparablen Imageverlust zur Folge hat.

Dieser Mechanismus findet nicht nur bei einzelnen Personen Anwendung, sondern auch bei ganzen Branchen oder Personengruppen wie den Flüchtlingen. Ein gutes Beispiel für eine umfassende moralische Verurteilung ist der Umgang mit Bankenvertretern im Nachgang der Finanzmarktkrise.

Das öffentliche Urteil fiel wenig differenziert aus. Es ging von Anfang an nicht um einzelne Personen, die sich kriminell verhalten hatten. Vielmehr wurde eine ganze Branche kriminalisiert. Im Ergebnis wurden Bankenvertreter zunehmend vorsichtig, wenn sie von der Presse befragt wurden. Einige, zum Teil inhaltsleere Interviews mit namhaften CEOs aus der Industrie zeigen zwischenzeitlich eine ähnliche Tendenz: Bloß nichts sagen, was missverstanden werden könnte, was angreifbar macht.

Diese Strategie zu verurteilen, ist einfacher, als sich davon zu verabschieden. Die Konsequenzen der Reaktion unserer Wirtschaftsvertreter auf die zunehmende moralische Vorverurteilung in unserer Gesellschaft haben wir alle zu tragen. Etwa 100 Milliarden Euro, so schätzen Angstforscher, gehen allein der deutschen Wirtschaft jährlich verloren, weil Manager und Angestellte mögliche Risiken fürchten.

Und ökonomische Nachteile sind nur eine Seite der Medaille. Viel schwerer wiegt der eklatante Vertrauensverlust zwischen Wirtschaft und Gesellschaft, die Schere des Misstrauens, die sich immer weiter öffnet. Diese Entwicklung könnte dazu führen, dass wir aus den Chefetagen immer mehr Worthülsen hören. Am Ende der Kette steht Sprachlosigkeit. Ein Dauerton, der frei von echten Inhalten, aber auch von Emotionen ist. Ohne Höhen und Tiefen. Ohne Risiken, aber auch ohne Menschlichkeit.

Der Umgang mit Informationen in Köln ist nur ein weiterer Beleg dafür, dass die Angst vor moralischen Vorverurteilungen in der Mitte unserer Gesellschaft angekommen ist.

Irina Kummert ist Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.


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