Samstag, 24. Februar 2018

Koalitionsverhandlungen: Strategien gegen den Stillstand Wie die Groko noch ein großer Wurf werden kann

Was gibst Du mir? Koalitionsverhandlungen gleichen nicht selten einem orientalischen Basar

5. Teil: Die junge Generation berücksichtigen

Es ist realitätsfern, wenn im Kreise der Bundestagsabgeordneten argumentiert wird, die heutige Jugend liebe Unsicherheit und möchte sich flexibel von einer befristeten Projektarbeit in ein Praktikum und dann wieder in eine unbezahlte Phase im Co-Working-Space bewegen. Dem ist definitiv nicht so, im Gegenteil!

Gerade deshalb sind die oben genannten drei Punkte gerade für die junge Generation wichtig. Sie will aus gutem Grund Sicherheit und klare Verhältnisse in der Arbeitswelt. Sie sieht nicht ein, warum ausgerechnet sie ein falsch verstandenes Verständnis von "Neuer Arbeit" umsetzen soll. Wenn die Große Koalition die junge Generation einfach ignoriert, werden sich noch mehr Jugendliche von der Politik abgehängt fühlen und jegliches Interesse verlieren.

Es ist symptomatisch, wie viele Jugendliche sich gegen die Große Koalition aussprechen - obwohl sie wissen, dass ein Jamaika-Bündnis auch nicht besser geworden wäre. Nur jetzt artikuliert sich dieses tiefe Misstrauen, das ganz sicher nicht nur in SPD-Mitgliedern steckt. Diese Artikulation ist eine Chance - wenn man darauf eingeht. Aber es wird fatal, wenn in der aktuellen Situation die Parteiführungen wieder einmal die Jugend ignorieren.

Die Große Koalition sollte sich explizit mit der Arbeitswelt der Jugendlichen, insbesondere der Generation Z (also Menschen bis 25 Jahre) auseinandersetzen und dieser Gruppe eine Vision für die Zukunft aufzeigen. Diese wäre auch attraktiv für die anderen Generationen.

Auch wenn einige gerne und gut anders arbeiten wollen und können: Wir brauchen eine Lebenswirklichkeit, in der es klar geregelte sichere Arbeit und ein klar abgetrenntes Privatleben gibt. Nicht wir müssen uns der Digitalisierung unterwerfen - die Digitalisierung soll für uns da sein! Wir brauchen eine Trendumkehr in unserer aktuell einseitige Entwicklung der Arbeitswelt, die auf völlige Verfügbarkeit bei der Arbeitszeit, auf inhumane Ent-Territorialisierung am Arbeitsort, auf Arbeitsverhältnisse ohne Sicherheit für den Arbeitnehmer und auf ein gefährliches Ignorieren der Jugend hinausläuft.

Befangenheitserklärung: Der Autor dieses Beitrags hat sich in seiner Trendstudie "Mogelpackung Work-Life-Blending" gegen das menschenunwürdige Work-Life-Blending positioniert und Vorschläge für eine klar konturierte Arbeitswelt gemacht. Als Wissenschaftler sieht er seine Rolle darin, auf betriebswirtschaftliche wie auf gesellschaftliche Fehlentwicklungen hinzuweisen - auch wenn diese Überlegungen bei einigen Unternehmen auf heftigen Widerstand stoßen und soweit erkennbar von keiner politischen Partei ganzheitlich geteilt werden.

Christian Scholz ist Mitglied der MeinungsMachervon manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

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