Freitag, 17. August 2018

Koalitionsverhandlungen: Strategien gegen den Stillstand Wie die Groko noch ein großer Wurf werden kann

Was gibst Du mir? Koalitionsverhandlungen gleichen nicht selten einem orientalischen Basar

3. Teil: Selbstbestimmung statt Entwürdigung am Arbeitsplatz

Immer mehr Unternehmen schaffen feste Schreibtische für Mitarbeiter ab und setzen auch über Großraumbüros auf weniger Arbeitsplätze pro Mitarbeiter. Dahinter steckt als primäres Ziel die Reduktion der Bürofläche pro Mitarbeiter. Hinzu kommt die Hoffnung auf mehr Kommunikation, weil man bei der Suche nach einem Arbeitsplatz ständig neue Leute trifft. Ob Mitarbeiter das überhaupt wollen, wird selten gefragt: Es geht allenfalls darum, Mitarbeiter "mitzunehmen", "einzubinden" und "zu überzeugen".

Auch dieser angebliche Trend ist eine Mogelpackung: Mitarbeitern wird die große Freiheit versprochen. Volle Souveränität bei der Wahl des Arbeitsplatzes, egal wo im Unternehmen und sehr gerne auch außerhalb desselben. In der Realität kann man sich zwar den eigenen Schreibtisch wählen, aber nie zweimal denselben hintereinander.

Soll das wirklich unsere moderne deutsche Arbeitswelt sein? Wo sich Mitarbeiter jeden Morgen einen Schreibtisch suchen müssen? Und zur Not in den Park oder zu Starbucks gehen sollen? Wo man sich mithilfe von Noise-Reduction-Kopfhörern von Krach und Unruhe abzuschotten versucht? Wo Telefonieren nur in einer eigens zu buchenden Telefonzelle möglich ist? Und wo man die schöne Kreativitätszone schnell wieder verlässt - aus Angst, keinen Schreibtisch mehr zu bekommen?

Natürlich brauchen wir die ganze Faszination innovativer Bürostrukturen, von Activity Based Working bis zu Design Thinking Studios und Kreativitätszonen. Aber jeder Mitarbeiter, der mindestens 3,5 Tage pro Woche im Unternehmen ist, braucht sein eigenes Territorium bis hin zum viel gescholtenen Schreibtisch inklusive Kaffeetasse und Bild von Freund/Freundin.

Diese Forderung mag sozialromantisch wirken, ist aber betriebswirtschaftlich begründet: Desksharing macht krank, stört Konzentration und Kreativität. Zudem sind Großraumbüros zu laut und zu unruhig. Das ändert sich auch nicht, wenn man sie in "Open Office" umtauft.

Die Große Koalition sollte für alle Arbeitnehmer, die mehr als 3,5 Arbeitstage pro Woche im Unternehmen sind, das Recht auf einen eigenen Arbeitsplatz schaffen. Gleichzeitig könnte ein Anrecht auf Home Office - sofern der Betriebsablauf nichts Gegenteiliges diktiert - für einen Tag pro Woche nach Absprache festgeschrieben werden.

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