Freitag, 17. August 2018

Koalitionsverhandlungen: Strategien gegen den Stillstand Wie die Groko noch ein großer Wurf werden kann

Was gibst Du mir? Koalitionsverhandlungen gleichen nicht selten einem orientalischen Basar

2. Teil: Flexibilität ohne permanente Verfügbarkeit

Die Rhetorik einiger Arbeitgeber ist klar: Der digitale Tsunami rollt auf uns zu und nur durch völlige Flexibilisierung der Arbeitnehmer können zumindest einige von uns überleben. Bereits in der vergangenen Legislaturperiode hat das Bundesministerium für Arbeit und Soziales unter Andrea Nahles (SPD) die permanente Verfügbarkeit zum politischen Ziel erklärt. Wir erinnern uns an das gruselige Video vom Dinosaurier im Aufzug, in dem der Vater zwar etwas früher nach Hause darf, dafür aber wie selbstverständlich um 17 Uhr den Kindergeburtstag für eine Videokonferenz unterbricht.

Auch gewerkschaftsnahe Vereinigungen wie die Hans-Böckler-Stiftung und die arbeitnehmernahe INQA kümmern sich mehr darum, wie Mitarbeiter in Zukunft ihre ständige Verfügbarkeit gewährleisten können, als darum, ob sie dieses "Work-Life-Blending" überhaupt wollen und ob es betriebswirtschaftlich sinnvoll ist.

Das Ganze ist eine Mogelpackung: Den Mitarbeitern wird die große Freiheit signalisiert. Also einen schönen Sommermontag am Badesee verbringen und dafür an einem verregneten Mittwoch etwas länger arbeiten. Oder am Wochenende ein bisschen arbeiten, um dafür einen freien Donnerstag mit den Kindern zu bekommen.

Die Realität ist eine andere: Es läuft auf auftragsabhängige Arbeitszeiten hinaus, die bis zu Arbeitsverträgen mit einer vereinbarten Wochenarbeitszeit von "mindestens null Stunden" reichen. Plötzlich geht es weniger um Flexibilität für die Mitarbeiter, sondern um eine Flexibilisierung ihrer Einsetzbarkeit. Fallen nämlich begrenzende Regelungen zur Arbeitszeit weg, kann der Arbeitgeber leicht flexibel über den Mitarbeiter verfügen. Wenn also der Sonntag wie heute üblicherweise nicht zur Regelarbeitszeit zählt, kann der Chef nicht verlangen, dass am Sonntag gearbeitet wird. Aber was wenn der Sonntag Regelarbeitstag ist? Und wie verändert sich die Arbeitswelt, wenn auch zwölf Stunden Arbeit pro Tag zulässig sind?

Die Große Koalition sollte eine klare Aussage gegen die permanente Verfügbarkeit von Arbeitnehmern fixieren und eine zunehmende Flexibilisierung der Arbeitnehmer unterbinden. Geregelte Arbeitszeiten sind nicht altmodisch. Sie sind der Schlüssel für eine zeitgemäß-produktive Ausgestaltung der Arbeitswelt sowie für ein lebenswertes Privatleben.

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