Donnerstag, 24. August 2017

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Wie sich die Arbeitsministerin die Jobs der Zukunft vorstellt Gruseln mit Andrea Nahles

Allzeit bereit für den Chef? Das geht, auch wenn der Kindergeburtstag Papi fordert. Denn es gibt ja den Heimarbeitsplatz. Der fließende Übergang von Berufs- und Privatleben ist gar kein Problem, will uns Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles mit einem Werbespot glauben machen
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Allzeit bereit für den Chef? Das geht, auch wenn der Kindergeburtstag Papi fordert. Denn es gibt ja den Heimarbeitsplatz. Der fließende Übergang von Berufs- und Privatleben ist gar kein Problem, will uns Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles mit einem Werbespot glauben machen

Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte. Was aber sagen 38 Sekunden Film? Noch viel mehr! Im Kino erfahren wir, was Arbeitsministerin Andrea Nahles wirklich mit uns vorhat. Und wovor uns Scarlett Johansson eben doch nicht retten kann.

Da sitzt man ahnungslos im Sony-Center am Potsdamer Platz und freut sich auf den Film "Ghost in the Shell" mit Scarlett Johansson. Doch noch bevor man sich die 3D-Brille aufgesetzt hat, öffnet sich auf der Leinwand eine Fahrstuhltür. Man sieht einen geschmacklosen Plastik-Dinosaurier und hört gruselige Aufblasgeräusche. Eine Führungskraft im geschmacklos grauen Anzug beugt sich vor und stellt die Frage aller Fragen: "Krüsselmann?"

Christian Scholz
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    Christian Scholz
    Christian Scholz ist Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Universität des Saarlandes. Sein zentraler Tätigkeitsbereich ist die Erforschung der Arbeitswelt: vom Personalmanagement bis zur Digitalisierungsstrategie. 2003 entstand die Trendstudie "Spieler ohne Stammplatzgarantie", 2014 das Nachfolgebuch zur Generation Z.

Jetzt erkennt man auch, wer das Plastikungetüm aufbläst: Es ist ein klar als untergeordnete Person erkennbarer, sichtlich gestresster Mann, mit glasigen Augen, bereits ziemlich verschwitzt. Seine stockende Erklärung: "Chef. Ja, die haben das Teil viel zu spät geliefert. Gleich ist die Kita aus und ich muss die Eier noch holen für den Eierlauf."

Gegenfrage: "Ah ja?" Es folgt die Erklärung des Herrn Krüsselmann: "Kindergeburtstag!". Darauf der Chef: "Und unser Meeting um fünf?" Jetzt die erlösende Antwort des braven, rund um die Uhr verfügbaren Mitarbeiters: "Ich schalt mich rein!"

Im Nachspann des Films folgt der marktschreierische Hinweis: "Mehr Ideen für die Zukunft der Arbeit im Weißbuch Arbeiten 4.0." Doch eigentlich hat man da schon genug. Denn man sieht das Gespenst vor sich, das uns Andrea Nahles als Chefin des Ministeriums für Arbeit und Soziales mit ihrem Werbefilm "Was macht eigentlich der Dino im Fahrstuhl?" als schöne Zukunft verkaufen will.

Arbeiten in der Freizeit als politische Vorgabe

Die zentrale Botschaft von Andrea Nahles, aber vor allem von großen Unternehmen wie Telekom Börsen-Chart zeigen oder Daimler Börsen-Chart zeigen lautet: Globalisierung erzwingt Work-Life-Blending, also den fließenden Übergang von Berufs- und Privatleben. Genau das wird uns als unumstößliches Naturgesetz verkauft, zu dem pauschale Wochenarbeitszeiten genauso gehören wie die digitale Transformation der Arbeitnehmer zur Rund-um-die-Uhr-Bereitschaft, neudeutsch "Flexibilisierung" genannt.

Natürlich gibt es dieses Naturgesetz nicht, wohl aber klare Botschaften von einigen Personalvorständen und Politikern, die genau dies fordern. Nach der Devise: Es wird so kommen, wir wollen es haben und deshalb müssen sich vor allem Arbeitnehmer ganz schnell anpassen.

Das wirklich Perfide: Die wahre Aufgabe des wahrscheinlich sündhaft teuren Projektes "Zukunft der Arbeit" von Andrea Nahles besteht darin, scheindemokratisch nach Ideen zu suchen, wie diese Verschmelzung von Berufs- und Privatleben maximiert werden kann. Noch perfider: Den Menschen wird vorgegaukelt, diese Verschmelzung sei eine "Win-Win-Situation", bei der vor allem die Mitarbeiter gewinnen. Das Gegenteil ist der Fall.

"Geht's noch, Alte?"

In unserem Dinosaurier-Film bedeutet Work-Life-Blending, dass der gestresste Familienvater ausnahmsweise bereits um 16 Uhr nach Hause gehen darf, aber den Kindergeburtstag für eine Videokonferenz unterbrechen muss - und vielleicht nach dem Ende der Party noch das Gesprächsprotokoll für die Konferenzteilnehmer erstellt.

Jüngere Menschen aus der Generation Z würde jetzt rufen: "Hallo Alte, geht's noch? Ist das unsere Zukunft?"

Work-Life-Blending gilt in Deutschland als alternativlos und nicht diskutierbar. Dies habe ich auf der re:publica 2017 in Berlin am eigenen Leib gespürt, als ich einen kleinen Gesprächsbeitrag eingereicht und die Nominierung von "WorkLifeBlending" zum Unwort des Jahres 2017 vorgeschlagen hatte. Wie erwartet fanden die Organisatoren für ein solches Außenseiterthema keinen Platz. Also: Absage und Meinungsharmonie.

Tendenz zum digitalen Feudalismus

Ist die Welt, die uns Andrea Nahles mit ihrem Film schmackhaft machen will, wirklich die Welt, in der wir leben wollen? Sollten wir nicht ohne politische Vorgaben über Alternativen zum Work-Life-Blending sprechen dürfen? Wäre das nicht auch ein schönes Thema für den aktuellen Wahlkampf? Wenn bereits ein SPD-geführtes Ministerium für "Arbeit und Soziales" eine derartige "Vision" von der Zukunft der Arbeit hat, was passiert dann erst, falls im Herbst die FDP dieses Ministerium übernimmt? Wird dann aus Work-Life-Blending als angeblichem Ausdruck von Gerechtigkeit ein noch intensiveres Work-Life-Blending, ein neuer digitaler Feudalismus?

Hier schließt sich der Kreis zum Kinofilm "Ghost in the Shell", den ich eigentlich sehen wollte: Work-Life-Blending klingt auf den ersten Blick interessant, ähnlich wie die Verschmelzung von Mensch und Maschine. Fehlt jedoch die selbstbestimmte und gleichberechtigte Nutzung, mutiert die Utopie in ihr Gegenteil, also zur Dystopie. Im Kinofilm mit Scarlett Johansson genauso wie in der realen Arbeitswelt mit Andrea Nahles.

Es lohnt sich nicht, das Video mit dem Dinosaurier anzuschauen, obwohl man es hier abrufen könnte. Wir sollten vielmehr ohne politische Vorgabe die Deutungshoheit über unsere Arbeitswelt zurückgewinnen - und zwar dringend und umfassend. Vielleicht könnten wir als kleine Geste einen neuen Versuch starten, um "Work-Life-Blending" zum Unwort des Jahres zu küren.

Übrigens: Am Ende des Dinosaurier-Films murmelt der Chef seinem Mitarbeiter hinterher: "So einen Vater hätte ich auch gerne gehabt." Ich lieber nicht.

Christian Scholz ist Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

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