Mittwoch, 29. Juni 2016

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Streit um ökologische und soziale Standards Wirbel um indirekten Boykottaufruf von CSU-Minister

Stein des Anstoßes: Nationaltrikots von Adidas

Es ist ein wohl einzigartiger Vorgang in der deutschen Politik. CSU-Entwicklungsminister Müller ruft indirekt zum Boykott von Shell und Adidas auf - und begründet dies mit niedrigen ökologischen und sozialen Standards. Adidas ist entsetzt.

Hamburg/Berlin - "Wenn Sie in das Nigerdelta gehen und dort den Standard der Ölförderung sehen, würde keiner von Ihnen an der Tankstelle der Ölfirma, die dort fördert, tanken", zitiert die "FAZ" Entwicklungsminister (CSU) Gerd Müller am Dienstag. Dort werde auf Kosten der Natur für unseren Wohlstand gewirtschaftet. "Das ist inakzeptabel", warb Müller während einer Diskussionsveranstaltung der Berliner Industrie- und Handelskammer am Dienstagabend für ökologische und soziale Mindeststandards.

Namen nannte der Minister laut "FAZ" nicht. Allerdings ist Shell Börsen-Chart zeigen bekanntermaßen der am weitaus wichtigste internationale Öl-Konzern in dem Delta, dessen Bevölkerung seit Jahren unter den Folgen der Ölförderung und des grassierenden Öldiebstahls leidet. Wasser und Tiere sind mit Öl und Chemikalien kontaminiert. Im vergangenen Jahr verurteilte ein Gericht in Den Haag eine Konzerntochter von Shell zu Schadenerstz an Bewohner des Deltas, deren Land durch Pipeline-Lecks mit Öl verseucht wurde.

Auch die globale Textilindustrie und der Sportartikelhersteller Adidas Börsen-Chart zeigen bekamen ihr Fett weg. Das neue Weltmeistertrikot der deutschen Fußball-Nationalmannschaft mit seinen vier Sternen koste 84 Euro. "Davon bekommt die Näherin in Bangladesch 15 Cent", monierte der Mínister weiter.

"16 Stunden-Tage, 5 Cent die Stunde, sechs Tage Arbeit für die Frauen - es kommt hinten ein Lohn heraus, der nicht zum Leben reicht, geschweige denn für die Familie", beschrieb Müller die Ausbeutung von Arbeitern in Asien und Afrika durch westliche Konzerne. Arbeitsschutz sei nichtexistent, bei Schwangerschaft folge die sofortige Kündigung. "Diese Trikots, diese Anzüge, diese Hemden, wollen Sie die tragen?"

Das Ministerium versuchte am Mittwoch, die Wogen zu glätten. "Der Minister hat nicht zum Boykott aufgerufen", sagte eine Sprecherin, zog die in dem Bericht genannten Zitate aber nicht in Zweifel. Müller habe lediglich auf eine "entwicklungspolitisch schwierige Situation hingewiesen". Das Ministerium sei vielmehr voller Anerkennung, mit wieviel Engagement und Einsatz die Wirtschaft - auch und vor allem Adidas - an Sozialmindeststandards mitarbeiteten, ergänzte eine weitere Sprecherin.

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