Freitag, 2. Dezember 2016

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ifo-Chef Sinn zur Energiewende "Die einzige Hoffnung der Menschheit war die Atomkraft"

Wirtschaftsforscher Sinn: "Ruinen einer völlig verzerrten und ideologischen Energiepolitik"

Die Energiewende ist nach Ansicht von Hans-Werner Sinn ein Irrweg. Im Interview erklärt der Präsident des ifo-Institutes, weshalb die Reformen von Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel wenig bringen und bei der Verwertung von Windstrom Tauchsieder in der Elbe helfen könnten.

mm: Herr Professor Sinn, Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel will die Förderung erneuerbarer Energien reformieren. Packt Deutschland so doch noch die Energiewende?

Sinn: Es ist ein Schritt in die richtige Richtung. Die Förderung der erneuerbaren Energien kostet bereits irrsinnig viel Geld, und das Ausbauvolumen wächst. Langsam wird klar, dass der Strom aus Wind- und Solarkraftwerken ziemlich nutzlos ist. Er destabilisiert das Netz, und er verschandelt die Landschaft. Die Windmühlen verwandeln die letzten deutschen Naturlandschaften in Industriegebiete. Die gigantischen Betonfundamente der Windanlagen werden für immer als Ruinen einer völlig verzerrten und ideologischen Energiepolitik stehen bleiben. Eine Bürgerinitiative nach der anderen gründet sich dagegen. Das wächst sich zu einem Proteststurm aus.

mm: Wenn Bundeswirtschaftsminister Gabriel seine Reformen gut verkauft und der Strom nicht mehr teurer wird, könnte die Energiewende wieder an Akzeptanz gewinnen.

Sinn: Die Kosten der EEG-Umlage werden dennoch erheblich steigen, und damit den Strompreis noch weiter erhöhen. Überhaupt ist das ganze politische Techtelmechtel nur eine Randerscheinung. Das wirkliche Problem liegt auf der technischen Seite. Mit dieser Energiewende kommen wir nicht weit. Wir wollen einerseits aus den fossilen Energien raus, aber auch aus der Atomenergie. Was bleibt dann noch? Fast nur der Zufallsstrom aus Wind und Sonne.

mm: Die erneuerbaren Energien decken inzwischen immerhin fast ein Viertel des deutschen Strombedarfs.

Sinn: Das ist aber kein gesicherter Strom, der ständig zur Verfügung steht. Wind- und Sonnenstrom sind minderwertig, weil sie zufällig kommen. Das müssen Speichertechnologien ausgleichen. Um vier Siebtel des Wind- und Sonnenstroms des Jahres 2011 für sich genommen zu verstetigen, wären mindestens 400 Pumpspeicherkraftwerke durchschnittlicher Größe erforderlich, wir haben aber nur 35 in Deutschland. Diese würden fast 100 Milliarden Euro kosten.

mm: Wozu all diese Speicher? Vor allem flexible Gaskraftwerke taugen in den nächsten Jahrzehnten als Begleiter der erneuerbaren Energien.

Sinn: Das ist wohl der einzig mögliche Weg. Aber dann sind wir doch wieder bei der fossilen Energie. Und für das Gas brauchen wir genauso große neue Speicherkapazitäten. Die Russen sind nun einmal nicht bereit, ihr Gas nur dann zu schicken, wenn der Wind nicht weht. Die Sache wird sehr teuer, vor allem auch weil die Gaskraftwerke als Lückenbüßer vorgehalten werden müssen, ohne dass sie wirklich eingesetzt werden.

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