Samstag, 17. November 2018

Kandidatur für CDU-Vorsitz Warum Merz gerade wegen seiner Wirtschaftsnähe der Richtige wäre

Im Fokus der Medien: Friedrich Merz vor einer Pressekonferenz im Rahmen seiner Kandidatur für das Amt des Parteivorsitzenden der CDU

Die Nähe zur Wirtschaft disqualifiziert Friedrich Merz für hohe politische Ämter? In Zeiten von Handelskriegen, Niedrigzinsen, Wackelbörsen, Brexit und massivem Reformbedarf in Brüssel ist das Gegenteil der Fall.

Was qualifiziert eine Person in Deutschland zum Spitzenpolitiker? Glaubt man der Presse, dann ist es vor allem die Fähigkeit, Angela Merkel nicht zu verärgern, was Frau Annegret Kramp-Karrenbauer auszeichnet. Alternativ dazu gilt es, gegen die Flüchtlingspolitik zu lamentieren und so darauf zu hoffen, die AfD auf der falschen Spur zu überholen, wie es gerade Jens Spahn praktiziert.

Was einen - so dargestellt in denselben Blättern - jedoch nicht qualifiziert für den Parteivorsitz in der CDU und schon gar nicht fürs Kanzleramt, ist wirtschaftlicher Sachverstand. Die Medien der größten Volkswirtschaft Europas fragen ernsthaft: Disqualifiziert sich Friedrich Merz durch seine Wirtschaftsnähe?

Merz ist kein Berufspolitiker, vielmehr ist er Anwalt, arbeitet als Partner bei der US-Großkanzlei Mayer Brown. Dort verdient er viel Geld. Zudem hatte und hat er verschiedene Aufsichtsratsmandate inne, unter anderem bei derDeutschen Börse oder bei HSBC Trinkaus & Burkhardt. 2016 trat er als Aufsichtsratschef beim deutschen Ableger von Blackrock an, dem größten Vermögensverwalter der Welt. Leute, die ihn als Mitglied eines Kontrollorgans erlebt haben, sagen: Merz ist kein Ja-Sager. Er fragt kritisch nach. Und im Übrigen habe er Humor.

Etwas Besseres könnte der CDU kaum passieren. Glaubwürdigkeit und Wahlergebnisse der Partei sind am Boden; Erneuerung kann aber nur von jemandem kommen, der sich nicht schon seit vielen Jahren an Mutti Merkel abarbeitet. Und von einem, der nicht unbedingt ein Amt braucht, um etwas darzustellen.

Erfahrung mit internationaler Verhandlungsführung

Doch Merz muss sich nun fast dafür entschuldigen, dass er nicht zur Mehrheit der Berufspolitiker oder dauerbeurlaubten Beamten gehört, die den Bundestag bevölkern. Das ist schade, denn der Exportvizeweltmeister könnte in Zeiten von Handelskriegen gut einen Spitzenpolitiker gebrauchen, der Erfahrung mit internationaler Verhandlungsführung hat. Eine der größten Wirtschaftsnationen der Welt wäre in Zeiten von Niedrigzinsen, Wackelbörsen, angeschlagenen deutschen Banken, Brexit und massivem Reformbedarf in Brüssel nicht schlecht beraten mit einem Mann, der versteht, wie global agierende Konzerne ticken.

Im Übrigen hat Merz angekündigt, die derzeit fünf Aufsichtsratsmandate niederzulegen und seine Anwaltszulassung ruhen zu lassen, sollte er CDU-Vorsitzender werden.

Keine Frage, in Zeiten von Dieselskandal, Cum-Ex-Geschäften und Datenklau wird Wirtschaft von vielen als eklig empfunden und die Auftritte von Donald Trump oder der schnell verblassende Glamour des französischen Investmentbankers Emanuel Macron im Amt des französischen Präsidenten helfen nicht gerade, dem Thema "Manager in die Politik" Auftrieb zu verleihen. Und wenn Merz vom "Markenkern der CDU" spricht, schütteln sich vermutlich nicht nur die Parteifürsten.

Neid-Debatte wegen seiner Einkünfte?

Aber was ist die Alternative? Eine AKK, die vor lauter Nettigkeit so farblos ist, dass es Monate brauchte, bis die Republik ihren Namen vollständig aufsagen konnte und daher bis heute ein Akronym ihres Namens vorzieht? Oder Spahn, der mit dem Tritt in gezielt ausgesuchte Fettnäpfchen vor allem auf Krawall aus ist, um bekannter zu werden?

Seriöseren Kritikern zufolge sprechen weniger seine guten Beziehungen in die Wirtschaft gegen Merz, sondern vielmehr, dass er schon 2009 aus dem Bundestag ausgeschieden ist, damit sei er in vielen Themenbereichen nicht mehr à jour und "ein Mann fast aus dem letzten Jahrtausend". Damit unterschätzen sie Merz' wachen Geist. Andere werfen ein, dass schon Peer Steinbrück einst die Debatte unterschätzte, die seine Honorare auslösten und warnen davor, dass Merz derzeitige Einkünfte eine im Land bisher nicht dagewesene Neid-Debatte auslösen könnten.

Reicht solche Argumente wirklich, um einen verdienten Mann wie Merz aus dem Rennen zu kegeln? Wenn das so ist, dann bekommt Deutschland wirklich die Politiker, die es verdient.

Heiner Thorborg ist Personalberater und Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

© manager magazin 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH